Eine Einführung ins architektonische Konstruieren

Manuel Pestalozzi
6. Juni 2024
Foto: Manuel Pestalozzi

Beim Bau eines Gebäudes arbeiten viele Menschen mit. Architektinnen und Architekten liefern oft die Idee und feilen sie bis ins Detail aus. Mit ihrem 316 Seiten dicken Buch «Ontologie der Konstruktion» vermitteln Piet und Wim Eckert, die 2001 in Zürich ihr gemeinsames Büro E2A Architekten gründeten, aus der Perspektive der architektonischen Entwurfstätigkeit die Wesenszüge der Konstruktion. Die Publikation ist eine Auseinandersetzung mit der «Kunst des Machens» und ein Produkt der Lehrtätigkeit der Brüder an der Fakultät Architektur und Bauingenieurwesen der TU Dortmund.

Das Wohnhaus «Can Lis» auf der Baleareninsel Mallorca von Jørn Utzon wird in der Kategorie «Schwere Räume» verortet. (Foto: © The Utzon Archives / Utzon Center)
Die Konstruktion bestimmt die Raumwirkung

Das Buch basiert auf Analysen der Konstruktion verschiedener Bauwerke. Ihm liegt die These zugrunde, unterschiedliche Konstruktionsweisen würden verschiedene Raumtypen entstehen lassen. Darum werden Raumwirkung und Konstruktion verknüpft und in zehn sogenannten «Themenräumen» präsentiert. Für Piet und Wim Eckert bezeichnen sie jeweils «scharf abgetrennte Bereiche unterschiedlicher Raumwirkungen». Jeder dieser Kategorien ist ein Kapitel gewidmet. Darin werden je, wie es Piet und Wim Eckert im Vorwort formulieren, «phänomenologische Wirkungsräume in Bezug zu einer Konstruktionslogik gesetzt, die wiederum Hinweise auf den gedanklichen und damit übergeordneten Kontext liefert». In den zehn Kapiteln finden sich Essays unterschiedlicher Autorinnen und Autoren, die alle einen Bezug zur TU Dortmund haben; ihre individuellen Zugänge zur Architektur machen aus dem Buch mehr als eine Enzyklopädie oder ein Lehrmittel.

Der Blomster-Kiosk von Sigurd Lewerentz im schwedischen Malmö wird der Kategorie «Nackte Räume» zugeordnet. (Foto: Kawahara Krause Architects, Architektur: Sigurd Lewerentz)

Den zehn Kategorien der Auslegeordnung sind die folgenden zehn Adjektive zugeordnet: schwer, nackt, verkleidet, strukturell, leicht, universell, transparent, gefügt, gemischt und organisch. Es ist leicht erkennbar, dass sich diese Eigenschaften selten gegenseitig ausschliessen. Die spezifische Charakterisierung oder Zuordnung liegt also ein Stück weit im Auge der Betrachtenden. Jeder Themenraum besteht aus einer doppelseitigen Einführung, auf die ein Essay- beziehungsweise Erläuterungsteil folgt. Drei ausführlich mit Fotos und Detailplänen dargestellte Bauwerke stehen anschliessend beispielhaft für den Themenraum, wobei der vorangegangene Erläuterungsteil bereits auch ihre Entstehungsgeschichte erzählt. 

Das «House in the Hills» von Sean Godsell in der Nähe der australischen Metropole Melbourne wird im Themenraum «Leichte Räume» vorgestellt. (Foto: Earl Carter, Architektur: Sean Godsell Architects)
Von «wildem» und «gezähmtem» Denken

Beispielhaft lässt sich der Versuch einer Systematisierung anhand des Kapitels «Gemischte Räume» nachvollziehen. In der Einführung wird die Interpretationsebene erläutert: Sie «bezieht sich im Vergleich zu den schweren oder transparenten Räumen weniger auf die Art des Raumeindrucks, sondern vielmehr auf die verwendete Methodik der Bauausführung und auf die Art der Konstruktion», steht dort. Verschiedene Konstruktionsarten werden auf überraschende Weise kombiniert. Entscheidend sei dabei die örtliche Verfügbarkeit von Baustoffen, die ein rationales Verständnis der Konstruktion konterkariere. Der Essayteil besteht in diesem Fall aus kürzeren bis mittellangen Beiträgen zu Themen wie «Adaptation und Improvisation», «Mangel während und nach dem Zweiten Weltkrieg» oder «Gerhard Richter». 

Durch wiederholte Hinweise auf die Nachbarkapitel wird ein soziologisches und kulturhistorisches Universum erzeugt, in dem die parallel dazu präsentierten drei Beispielbauten erläutert sind: die Notre-Dame-du-Haut von Le Corbusier, die Maison Jean Prouvé in Nancy und das Stöckli von Flora Ruchat-Roncati in Riva San Vitale.

Das Kapitel hat insbesondere die Aufgabe, den bereits im Vorwort erwähnten Gegensatz zwischen dem «wilden» Denken des Bricoleurs und dem «gezähmten» Denken der Ingenieurin, also zwischen Improvisation und rationalem wissenschaftsbasierten Handeln, darzustellen. Piet und Wim Eckert fragen sich, ob bei der Trennung der Kompetenzen in der Bauplanung die «wilde» Seite den Architektinnen und die «zahme» den Bauingenieuren zugewiesen wurde. Die Themenräume des Buches zeigten, dass dem «nicht unbedingt so» sei, meinen sie. Die Beispiele des Architekten Le Corbusier und des Ingenieurs Jean Prouvé scheinen dies tatsächlich zu untermauern.

Kirchenbauten kommen in mehreren Teilen des Buches vor. Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche von Egon Eiermann und Gabriel Loire in Berlin ist der Kategorie «Transparenten Räumen» zugeordnet. (Foto: Dieter Janssen, Architektur: Egon Eiermann)
Neue Anforderungen an das Konstruieren

Beim Lesen des Buches kommt man zu dem Schluss, es stehe in der Tradition der Moderne. Seine Macher schöpfen mit Bedacht aus bekannten Quellen. Sie ordnen Inhalte neu, die den meisten vertraut sein dürften. Die Interpretation des Stoffs, aber auch die gute Buchgestaltung mit schwarzen Seiten, verschiedenen Schriftarten und ein- bis vierspaltigen Textseiten schaffen Abwechslung. Sie sorgen für ein ästhetisch befriedigendes Erlebnis, lehrreiche Einsichten und nicht zuletzt auch gute Unterhaltung.

Kritisch anzumerken ist bei all dem Lob allerdings, dass das Buch eine grosse Freiheit bei der Wahl der Mittel suggeriert. Zwar werden im Kapitel «Gemischte Räume» Mangel und Improvisation behandelt, dennoch bleibt der Eindruck einer weitreichenden Verfügbarkeit von Baumaterialien, die eine leistungsfähige Bauindustrie mass- und termingerecht liefert. Doch es ist fraglich, ob dies angesichts des Rufes nach einem klimafreundlichen, ressourcenschonenden und kreislauffähigen Bauen und dem hörbaren Knarren und Knacken in den Lieferketten noch gilt. 

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