Wie wird Hans Holleins Architektur heute rezipiert?

Manuel Pestalozzi
16. November 2023
Lütjens Padmanabhan Architekt*innen gehören zu den Schweizer Büros, die im Buch über ihre Sicht auf Hans Holleins Werk sprechen. Zu sehen ist hier ein Modell ihres Entwurfs der Residenz des Schweizer Botschafters in Algier. (Foto: © Lütjens Padmanabhan Architekt*innen)

Hans Hollein (1934–2014) gehört zu den Schlüsselfiguren der österreichischen Architektur-Avantgarde der 1960er-Jahre. Als junger Architekt schloss er sich in Wien gleichgesinnten Künstlern an, die den «trivialen Funktionalismus» der damaligen Architektur kritisierten. Furore machte der einzige Pritzker-Preisträger unseres Nachbarlandes mit der Ausstellung «Architektur» (1963, Galerie St. Stephan), die er gemeinsam mit Walter Pichler entwickelt hatte. Die beiden zeigten utopische Entwürfe von Stadträumen und verfassten Manifeste, die sie im Ausstellungskatalog abdruckten. Zur selben Zeit erlangte Hollein mit kleinen Projekten wie seinem famosen Kerzengeschäft «Retti» (1965) Bekanntheit – ebenso wie mit seinem berühmten Text «Alles ist Architektur» (1967). In jenen Jahren stilisierte sich Hollein, der ein Leben lang ein akribischer Kurator seines Werks blieb, zum Avantgardisten. Später entwickelte er sich zum «Stararchitekten» und gestaltete Grossprojekte. Mitunter überstrahlte dabei seine schillernde Persönlichkeit seine Architektur.

Doch welche Bedeutung hat Holleins Schaffen für Architekt*innen heute? Gibt es Gestalter*innen die bei seinen Bauten, Texten und Kunstwerken andocken oder sich an ihnen reiben? Dem geht das Architekturzentrum Wien (Az W) zurzeit mit der grossen Ausstellung «Hollein Calling. Architektonische Dialoge» nach. Begleitend zur Schau ist bei Park Books ein Buch erschienen, das nach der Bedeutung Holleins für eine junge Architektengeneration fragt.

In der Ausstellung werden wegweisende Projekte von Hans Hollein Entwürfen von 15 europäischen Architekturbüros gegenübergestellt, die heute den Diskurs prägen und in der Szene den Ton angeben. Im Buch wird auf diese Form der Gegenüberstellung verzichtet. Stattdessen enthält es Interviews mit den 15 Büros. Jene sprechen darin über ihre Beziehung zu Hans Hollein und dessen Werk. Gleich zwei Büros sind übrigens in der Schweiz ansässig: Conen Sigl und Lütjens Padmanabhan. Nicht ganz klar ist indes leider, wie die Auswahl der Büros erfolgte. Jedoch kann man sie vielleicht bis zu einem gewissen Punkt als Vertreter einer zeitgenössischen Avantgarde begreifen. So kann man das Buch, das ausschliesslich in englischer Sprache erhältlich ist, auch als Gedanken zum Avantgarde-Konzept an sich interpretieren. 

Doorzon, Centre Aquatique Intercommunal Balsan’éo, Châteauroux, Frankreich, 2019, Studie für einen Wellnesspool mit Palmenduschen (© Doorzon)
Almannai Fischer Architekten, Studierendenwohnheim, Weimar, Deutschland, 2017–2025, Visualisierung der Ostfassade, Wettbewerbsentwurf (© Almannai Fischer Architekten)
Aslı Çiçek, «Letters 2 Dance», Bühnenbild für Tanzperformance, Choreografie von Femke Gyselinck, verschiedene Theater in Belgien, 2022 (© Aslı Çiçek)
Wertschätzung und Kritik

In den Interviews geht es um Diversität, Ressourceneffizienz und die Vermeidung von «Exzessen» – wichtige Themen, die Architekt*innen aktuell beschäftigen. Teils üben die Interviewten aus dieser Haltung heraus Kritik an Holleins Architektur. Viele ziehen sein Frühwerk mit kleinen Laden- und grossen Museumsprojekten den Arbeiten des späteren «Stararchitekten» vor. Häufig wird seine Bedeutung jenseits der Wertschätzung bestimmter Projekte gesehen. Aslı Çiçek aus Brüssel zum Beispiel findet, dass die Diskussionen, die Holleins Bauten auslösen, interessanter sind als sie selbst. Caroline Lateur und Stefanie Everaert von Doorzon aus Gent sehen sich veranlasst, den Geniekult infrage zu stellen. 

Den Herausgebern des Buches ist im Zuge der Gespräche aufgefallen, dass es für die Interviewten meist einfacher war, sich über die Arbeit von Hermann Czech der ausdrucksstarken Wiener Avantgarde-Architektur anzunähern als über Holleins. Bemerkenswert ist auch, dass sie über Holleins kleinere Projekte besser einen Zugang zu seiner Architektur finden. So beschreiben Oliver Lütjens und Thomas Padmanabhan, wie es Hollein gelungen ist, mit kleinen Projekten komplexe, gefühlvolle Universen zu schaffen, die mit Botschaften und Bedeutung aufgeladen sind. Letztlich mag der gemeinsame Nenner zwischen den Generationen die Konfrontation mit der Komplexität der Welt sein, die das schöpferische Potenzial herausfordert und gleichzeitig frisch entstehen lässt.

Hans Hollein in Zusammenarbeit mit Atelier 4 aus Frankreich, «Vulcania» – Museum für Vulkanismus, Saint-Ours-les-Roches, Frankreich, 2002, perspektivische Skizze, Druck (© Archiv Hans Hollein, Az W und MAK, Wien / Architekturzentrum Wien, Sammlung)
Die Fassadenstudie für den Erker des bekannten Haas Hauses in Wien gehört zur Sammlung des Az W. (© Archiv Hans Hollein, Az W und MAK, Wien / Architekturzentrum Wien, Sammlung)
Neue Blicke auf bekannte Bauten

Neben den Interviews zeichnet das Buch auch den Aufbau des «Archivs Hans Hollein, Az W und MAK» nach, den auch die öffentliche Hand unterstützte. Eine Auswahl von Holleins Bauten wird anhand von Skizzen, Modellen, Fotos, Prototypen und Dokumenten aus dem Archiv präsentiert – vieles davon wurde bis anhin noch nie veröffentlicht. Die Darstellung wird vervollständig durch Texte, die die Projekte einordnen. Unter den «Archivperlen» ist das Kerzengeschäft Retti genauso wie das Museum «Vulcania» im französischen Saint-Ours-les-Roches (2002). Die Dokumentation lässt nachvollziehen, wie sich der Architekt an seine Aufgaben herantastete. 

In einem abschliessenden Essay beleuchtet unterdessen Architekt Mark Lee Hans Holleins Bedeutung für Amerika. Man liebt ihn dort demnach als Schöpfer von «Gesamtkunstwerken», wertschätzt besonders seine Arbeit als Universalkünstler. Hollein selbst hegte grosse Bewunderung, ja Begeisterung für die Vereinigten Staaten. Das Land war einer der wichtigsten Einflüsse für seine Architektur.

Hollein Calling. Architectural Dialogues

Hollein Calling. Architectural Dialogues
Architekturzentrum Wien Az W, Lorenzo De Chiffre, Benni Eder und Theresa Krenn (Hrsg.)

225 x 280 Millimeter
220 Seiten
196 Illustrationen
Broschiert
ISBN 978-3-03860-340-5
Park Books
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