Vereinte Kräfte

Susanna Koeberle
23. November 2023
Das Bild zeigt die beiden Brüder Adrian Hess (links) und Sebastian Godenzi von PYL mit der Künstlerin Annette Stöcker vom Duo stöckerselig. (Foto: Stefan Schmidlin)

Manchmal entstehen gute Projekte ganz schnell. Damit eine rasche Umsetzung von Ideen funktionieren kann, müssen allerdings die Grundvoraussetzungen stimmen. Im konkreten Fall gründet das Gelingen des Projekts auf einem intensiven Dialog zwischen unterschiedlichen Protagonist*innen. Da ist zunächst das ehrgeizige städtebauliche Projekt der Baugenossenschaft wohnen & mehr im Westen der Stadt Basel. Auf dem Gelände des ehemaligen Felix-Platter-Spitals entsteht ein neues Quartier, das Westfeld. Das ikonische Spitalgebäude aus dem Jahr 1967 wurde in ein Wohnhaus umfunktioniert; mehrere Neubauten bieten weitere Genossenschaftswohnungen. Um das Quartier durch unterschiedliche Nutzungen zu beleben, ging die Baugenossenschaft auf die Stiftung Pro Senectute zu und bot ihr einen der beiden von Baumann Scheibler Villard entworfenen Pavillons im mittleren Wohnhof an. Nun ist in dem dreistöckigen Bau die Geschäftsstelle von Pro Senectute beider Basel beheimatet. 

Der Zufall will es, dass dort in der Geschäftsleitung eine Künstlerin sitzt, Annette Stöcker. Sie ist gemeinsam mit Christian Selig Teil des Künstlerduos stöckerselig, das schon mehrere Projekte im öffentlichen Raum realisiert hat. Stöcker startete ihre Karriere bei Pro Senectute als Kursleiterin und entwickelte im Verlauf der Jahre neue Formate für die Stiftung mit. Ziel von Pro Senectute ist es, alternde Menschen und ihre Angehörigen zu entlasten. Als Gestalterin weiss die Künstlerin um die Bedeutung von Kreativität, wenn es darum geht, neue Formen des Arbeitens oder innovative Projekte zu entwickeln. Ihre Fähigkeit, disruptiv zu denken und zu handeln, kamen ihr auch bei der Bauleitung des Innenlebens des neuen Gebäudes zugute. Als Bauherrin kannte Annette Stöcker die Bedürfnisse ihrer Mitarbeitenden, aber auch diejenigen der Kundschaft, die zu Beratungen kommt. 

Die sieben Unikate mitten im hängenden Garten sehen von jeder Seite anders aus. (Foto: Stefan Schmidlin)

Von Anfang an stand die Idee im Raum, den Lichthof des neuen Geschäftssitzes durch ein Kunst-und-Bau-Projekt zu bespielen. Aufgrund ihrer grossen Erfahrung im situativen Arbeiten machte es in diesem Fall Sinn, den Auftrag direkt an stöckerselig zu vergeben. Die experimentelle und transdisziplinäre Arbeitsweise des Duos führte zu einer Kooperation mit den beiden Gründern von PrintYourLight (PYL). Die zwei Brüder Sebastian Godenzi und Adrian Hess haben einen unterschiedlichen beruflichen Hintergrund: Während Hess in seinem früheren Leben Automechaniker war, machte Godenzi ursprünglich eine Lehre zum Elektriker. Nach einer Weiterbildung war er in der Lichtbranche tätig und arbeitete danach als Workplace Consultant. In einer Sommernacht 2017 kam ihm die Idee, 3D-gedruckte Leuchten als Unikate herzustellen. 2018 folgte die Gründung der Firma, wobei zu Beginn ein Keller als Produktionsort diente. 

Nicht nur das lokale Produzieren der Leuchten macht PYL zu einem Vorzeigeprojekt kreislauffähigen Designs, auch das für die Lampenschirme genutzte Material, ein recycelbares und biologisch abbaubares PLA-Filament, passt zum Konzept. Da jedes Lichtobjekt einzeln entworfen und produziert werden kann, lag eine Zusammenarbeit mit Künstler*innen auf der Hand. Und so war das Zusammentreffen mit stöckerselig eine glückliche Fügung. Die zwei Tandems betraten Neuland, aber durch ihre jeweilige Expertise entstand ein befruchtender Austausch. 

Der Innenausbau und das Office-Konzept stammen von Hunziker Bürodesign. (Foto: Stefan Schmidlin)

Die Vorstellung eines hängenden Gartens mitten im Atrium des Gebäudes stand am Anfang des Kunstprojekts; Pflanzen haben bekanntermassen akustisch und psychologisch einen positiven Effekt auf die Atmosphäre eines Raums. Doch sie brauchen Licht. Daraus wiederum entstand die Idee, die Lichtquelle an sich künstlerisch anzugehen. Die Installation von stöckerselig hat auch funktionale Aspekte, sie ist nicht «nur» Kunst-am-Bau. Für die beiden Künstler*innen begann die Arbeit an den Lichtobjekten mit einer zeichnerischen Annäherung. «Kohlezeichnungen übersäten die Tische in unserem Atelier», erinnert sich Annette Stöcker bei unserem Besuch in Basel. Schnell stand die unregelmässige und naturinspirierte Form der Objekte fest: Die Idee zu «C.O.R.P.U.S. 1–7» war geboren.

Pflanzen und Leuchten beleben die Atmosphäre der Räumen. (Foto: Stefan Schmidlin)

Doch wie überführt man die Sprache der Natur in die 3D-Druckertechnologie? Das klingt nach zwei unvereinbaren Welten. In einem iterativen Prozess mit den beiden Leuchtentüftlern gelang die technische Umsetzung der Skizzen in funktionierende Leuchtenobjekte. Das war auch deswegen kein leichtes Unterfangen, weil die sieben Leuchtkörper nicht symmetrisch sind. Erste Probedrucke zeigten, dass es möglich war, die organischen Formen der Zeichnungen in dreidimensionale Objekte zu übersetzen. Dass die einzelnen Schichten wegen des Schmelzschichtverfahrens des 3D-Drucks sichtbar sind, gehört zur Schönheit der sieben Leuchten, die nun wie Kreaturen aus einem japanischen Anime im Innenhof schweben. 

Vom Beginn der Zusammenarbeit bis zur Fertigstellung vergingen zehn Wochen, eine rekordverdächtig kurze Zeit für die Entwicklung und Umsetzung einer Kunstinstallation. Das heisst nicht, dass das immer so funktionieren kann und dass längere Zeitspannen sich nicht positiv auf ein Projekt auswirken können. In diesem Fall erleichterten die kurzen Kommunikationswege und das Arbeiten in einem kleinen Team die Realisierung. Das Zusammenkommen diverser Kompetenzen bewirkte eine Art Schwarmintelligenz, die sich weniger an einzelnen Egos als am Gelingen des gesamten Projekts orientierte. Das Beispiel zeigt zudem einmal mehr, dass Technik und Kunst durchaus Freunde sein können. Wer weiss: Vielleicht vermehren sich mit den Pflanzen plötzlich auch die Leuchtenwesen?

Die unregelmässigen Formen sowie die sichtbare Rillung sind ästhetische Merkmale der Leuchtenobjekte. (Foto: Stefan Schmidlin)

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