Holzbau ist nicht gleich Holzbau

Roman Hutter Architektur
2. Mai 2024
Mit seinem durch Vor- und Rücksprünge, Balkone und Erker gegliederten Volumen verweist der Neubau auf Zugs historische Vorstadtbebauung. (Foto: Markus Käch)
Herr Hutter, worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Die Bauherrschaft trat bereits mit dem Wunsch an uns heran, der Neubau solle in einer Holzbauweise erstellt werden. Dies gab dann auch den Ausschlag, weshalb wir am Studienauftrag teilnahmen und diesen schliesslich gewinnen konnten. Denn wenn eine Bauherrschaft den Wunsch äussert, mit Holz zu bauen, kann von einem weitsichtigen Verständnis für ein gesundes und nachhaltiges Bauen ausgegangen werden.

Vorgeschlagen haben wir eine Vollholzkonstruktion, bestehend aus zwei Schichten kreuzweise gestapelter und verdübelter Bretter aus regionalem Mondholz. Wir sehen darin die Weiterentwicklung des Holzblockbaus, der in vielen Regionen der Schweiz Jahrhunderte überdauert und nach wie vor seine Berechtigung hat.

Die unbehandelten Holzoberflächen im Inneren sorgen für Behaglichkeit. (Foto: Markus Käch)
Die dunkelgrünen Simse und Fensterrahmen sind eine Referenz an den Vorgängerbau. (Foto: Markus Käch)
Welche Inspiration liegt diesem Projekt zugrunde?


Im Gegensatz zum Holzblockbau, bei dem der Stamm das strukturbildende Element darstellt, kommt diese Bedeutung beim Vollholzbau der Scheibe zu. Deshalb haben wir von Beginn an in Scheiben gedacht und die Öffnungen strukturell ausgebildet. Damit prägt das konstruktive Prinzip den Ausdruck des Gebäudes – innen wie aussen. Nicht zuletzt ergeben sich so sehr schöne Lichtstimmungen, da die Räume durch Licht und Schatten bestimmt sind. 

Der schöne Nebeneffekt besteht darin, dass das wertvolle Material nicht wieder verschnitten werden musste für allfällige Fenster. Obschon das Haus für Generationen gebaut ist, könnten die hölzernen Scheiben dereinst wiederverwendet werden – genau wie die Stämme eines Holzblockbaus.

Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


An gleichem Ort stand früher ein murales Gebäude, welches sich in die historische Vorstadtbebauung einordnen liess. Eigen ist diesen Gebäuden, dass ihre Volumina durch Vor- und Rücksprünge, Balkone und Erker geprägt sind. Diese Verschränkung mit der Umgebung haben wir aufgegriffen und als Reminiszenz an den Bestand in den Neubau übertragen. Auch die Farbigkeit lebt weiter: Wie einst der Putz wurde die Holzschalung aus Fichte in ein helles Beige gefasst, und dunkelgrüne Elemente – früher waren es die Fensterläden, heute sind es die Simse und Fensterrahmen – setzen Kontraste. Auch der üppige Garten konnte teils wiederverwendet und neu angelegt werden.

Beim Entwurf der Räume dachten die Architekten von Beginn an in Scheiben – entsprechend der konstruktiven Logik des Vollholzbaus. (Foto: Markus Käch)
Auch die Küchen sind aus Holz gefertigt. (Foto: Markus Käch)
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten Ihres Büros ein?


Das Bauen mit Holz beschäftigt uns bereits seit der Gründung unseres Büros intensiv. So hat sich mit dem Holzbau über die Jahre neben der Denkmalpflege ein weiterer Schwerpunkt herausgebildet, der unser Schaffen prägt. Neben all den Vorteilen hinsichtlich der Nachhaltigkeit handelt es sich meiner Meinung nach beim Material Holz um einen der schönsten Baustoffe – in der Verarbeitung, aber auch im Nutzen.

Wir haben uns im Büro intensiv mit den verschiedenen Holzbausystemen auseinandergesetzt, was für uns nun ein Vorteil ist. Der Massstab spielt dabei keine wesentliche Rolle. Uns ist jedoch wichtig, Holz möglichst unverarbeitet zu ver­bauen (leimfrei) und – wann immer möglich – unbehandelt zu belassen. So profitiert das Gebäude von den natürlichen Eigenschaften des Materials – und deshalb ist Holzbau auch nicht gleich Holzbau. 

Einzig der Erschliessungskern ist betoniert. (Foto: Markus Käch)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?


Aktuelle Tendenzen führen leider vermehrt zu verschärften Empfehlungen und Normen. Wir sind uns jedoch schon länger bewusst, dass das Bauen wieder einfacher werden muss. Ein wichtiger Ansatz (gerade im Holzbau) besteht darin, möglichst viele Schichten wegzulassen. Bei einer Vollholzwand wird dies auf die Spitze getrieben, sie besteht quasi nur noch aus Holz und Luft. Es ist schon bemerkenswert, dass dieses Bauteil gegenüber einer Holzwand mit um die zwanzig Schichten zu keinen Nachteilen führt – ganz im Gegenteil. Dies sollte zumindest zum Nachdenken anregen.

Situation (© Roman Hutter Architektur)
Grundriss Erdgeschoss (© Roman Hutter Architektur)
Grundriss Obergeschoss (© Roman Hutter Architektur)
Grundriss Attikageschoss (© Roman Hutter Architektur)
Querschnitt (© Roman Hutter Architektur)
Bauwerk
Rothusweg in Zug
 
Standort
Rothusweg 10, 6300 Zug
 
Nutzung
Mehrfamilienhaus
 
Auftragsart
Studienauftrag, 1.Rang
 
Bauherrschaft
Privat
 
Architektur
Roman Hutter Architektur GmbH, Luzern
Sven Gehrig, Christof Wettstein, Céline Burgener, Rebecca Baer, Ilona Distel, Aurel Hettich, Amélie Christen und Roman Hutter
 
Fachplaner
Holzbauingenieur: holzprojekt, Luzern
Bauingenieur: Dr. Lüchinger + Meyer, Luzern
Elektroplanung: Elektroplanung Vinzens, Gersau
HLK-Planung: H5 Haustechnik, Hünenberg
Bauphysik: RSP Bauphysik, Luzern
Landschaft: BOGOgarden, Meggen
 
Kostenplanung und Bauleitung 
Widmer Partner, Zug
 
Fertigstellung
2023
 
Massgeblich beteiligte Unternehmer
Holzbau: Küng Holzbau, Alpnach Dorf
Baumeister: Gebr. Hodel, Baar
Fenster: Holzbau Bucher, Kerns
Schreinerarbeiten: A. Bründler, Auw
Elektro: CKW Conex, Baar
Sanitär: Elsener AG, Cham
Heizung: Jenni Energietechnik, Oberburg
Spengler: Abicht Dachtechnik, Zug
Flachdach: Schäfer Stammbach, Küssnacht
Metallbauarbeiten: Schwerzmann Metallbau, Zug
Unterlagsböden: Walo Bertschinger, Ebikon
Plattenarbeiten: Frowin Andermatt, Baar
Malerarbeiten: Maler Huwiler, Hünenberg
Gartenbau: Villiger Arnosti, Root
 
Auszeichnung
Best Architects Award 24
 
Fotos
Markus Käch, Emmenbrücke

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