Semperpreis 2024 für Roger Boltshauser

Material zum Klingen bringen

Katinka Corts
29. Mai 2024
Hochhaus H1, Stadtquartier Zwhatt, Regensdorf, im Bau (Visualisierung: studio blomen)

Von Lehmbauspezialist Martin Rauch inspiriert, sei er über «eine emotionale Faszination für das Material» ins Thema Lehmbau eingestiegen, sagte Roger Boltshauser voriges Jahr in einem Interview mit unserer Redaktorin Susanna Koeberle. Drei Kleinbauten für eine Sport- und Freizeitanlage der Stadt Zürich waren es damals, bald darauf plante er das Wohnhaus Rauch im österreichischen Schlins. 20 Jahre ist dieses inzwischen alt. Seine dicken Wänden aus Stampflehm mit den darin eingebrachten Zwischenlagen aus gebrannten Ziegeln machten es zum Pionierbau.

Mit einigen seiner neueren Projekte wie dem Ensemble auf dem Baufeld F der Zürcher Europaallee (2019) und dem Verwaltungsbau der Wasserwerke Zug (2021) ging Boltshauser einen anderen Weg: Gefügte Elemente prägen die Fassaden, sie wirken wie ein zusammengestecktes Muster aus Glasbausteinen und Betonelementen im Wechsel mit Glas- und Steinflächen. Dass damit die Freude an anderen Baustoffen nicht erloschen ist, zeigt der Entwurf für das Dokumentationszentrum denk.mal Hannoverscher Bahnhof – im vergangenen Jahr überzeugte der Wettbewerbsbeitrag von Boltshauser Architekten die Jury. Der zurückhaltend gestaltete Bau wird aus gestampftem Trasskalk gebaut werden. Seine Fertigstellung ist für das Jahr 2026 geplant.

«Gerade Nachhaltigkeitsthemen erfordern in meinen Augen kollektives Arbeiten, das kann man nicht alleine bewältigen, es braucht Teamwork. Ich entwerfe, forsche und unterrichte prozessorientiert, nicht resultatorientiert.»

Roger Boltshauser

Haus Rauch, Schlins, 2005–2008 (Foto: Beat Buehler)
Einsatz für Materialbewusstsein

«Wir Architekt*innen sind gefordert, Alternativen und Visionen zu entwickeln», so Boltshauser in besagtem Gespräch. Diesbezüglich müsse man auch die Architekturschulen miteinbeziehen: Dort werde geforscht, zugleich könnten Zukunftsthemen in Semesteraufgaben durchgespielt und weiterentwickelt werden. Boltshauser, der seit 2018 einen Lehrstuhl für Entwurf und Konstruktion sowie ein Forschungslabor an der ETH Zürich hat, sucht gemeinsam mit seinem Team und seinen Studierenden nach neuen Strategien «für eine Architektur, die angenommen wird, bewohnbar und flexibel ist und die verschiedenen Tendenzen überleben kann». 

Die Skalierbarkeit derartiger Bauweisen hängt von der Entwicklung hybrider Bausysteme ab. Historische Bauten sind als Mischkonstruktionen aus Lehm, Holz und Ziegel gefertigt, möglich sind jedoch auch Kombinationen von Lehm, Stahl und Beton. «Es gibt unzählige Anwendungsmöglichkeiten, es muss nicht immer eine tragende Stampflehmwand sein. Es geht jetzt darum, intelligente Hybridsysteme zu entwickeln», befindet Boltshauser. Mindestens 30 Prozent des Massivbaus könnten durch Lehmbauteile ersetzt werden, was laut dem Zürcher Architekturprofessor ein unglaublicher Hebel wäre: «Ich bin überzeugt, dass man Lehm, in welcher Form auch immer, viel intelligenter verwenden kann.» 

Es liegt neben der noch aufwendigen Verarbeitung vor allem an der falschen Bepreisung der Materialien, dass Lehm im Vergleich ökonomisch so schlecht abschneidet. Betrachte man die Kosten über den gesamten Lebenszyklus inklusive Entsorgung, verändere sich die Rechnung. Es ist auch diese Betrachtung des Bauens Boltshausers, für die sich die Jury des diesjährigen Semperpreises begeistern konnte. Sie sieht in dem Architekten einen «Baumeister im traditionellen Verständnis dieses Begriffs», dessen Bauwerke nicht nur temporäre Bedürfnisse befriedigen, sondern auch Sinn stiften.

Ofenturm, Cham, 2017–2021 (Foto: KusterFrey)
Sport- und Schwimmzentrum Zürich-Oerlikon, in Planung (Visualisierung: studio blomen)
«Wir können Antworten geben, die wegen der Klimafragen plötzlich Chancen bekommen, die sie vorher nie hatten.»

Roger Boltshauser, UDK Tuesday 236

Besonders nachhaltiges Bauen, das Baukunst, Wissenschaft und öko-kulturelle Praxis verbindet, zeichnet der Semperpreis aus. Er soll im Sinne des Namensgebers die Synthese von künstlerischer Imagination und wissenschaftlich fundiertem Arbeiten an den akuten Fragen des Bauens honorieren, so die Auslober. Über die Vergabe des Preises entscheidet eine Jury bestehend aus Mitgliedern der Klasse Baukunst und dem Präsidenten der Sächsischen Akademie der Künste. Bereits ausgezeichnet wurden Erich Schneider-Wessling (2007), Günter Pfeifer (2009), Frank Zimmermann (2011), Louisa Hutton und Matthias Sauerbruch (2013), Undine Giseke (2015), Christoph Ingenhoven (2019) und zuletzt Florian Nagler (2022). 

Am 24. Oktober wird Roger Boltshauser den Preis im Archiv der Avantgarden der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden entgegennehmen. Im Herbst wird zudem eine Ausstellung des Architekten im Zentrum für Baukultur Sachsen im Dresdner Kulturpalast zu sehen sein.


Lesenswert zum Thema:

  • 2021 erschien eine umfangreiche Monografie zur Architektur Roger Boltshausers. Sie gibt auch Einblick ins Kunstschaffen des Architekturprofessors. Zur Buchbesprechung
     
  • Roger Boltshauser hat 2019 gemeinsam mit Cyril Veillon und Nadja Maillard von der EPF Lausanne ein Grundlagenwerk zum Baustoff Lehm herausgegeben. Zur Buchbesprechung

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