«Grenzland Tessin»: Mehr als Palmen und Boccalini

Nadia Bendinelli
30. November 2023
Das Buch «Grenzland Tessin» ist 2023 im Hier und Jetzt Verlag erschienen. (Foto: Nadia Bendinelli)

Klischees mögen manchmal eine Berechtigung haben, doch meistens nerven sie bloss. Es ist jedes Mal aufs Neue erstaunlich, welch oberflächliches Bild vom Tessin in der Deutschschweiz vorherrscht. Wer es also satthat, selbst in namhaften Museen Marroni-Pfannen zu bestaunen, die dann sy­n­o­ny­misch für die Region stehen sollen, der nehme das Buch «Grenzland Tessin» zur Hand, erschienen im Hier und Jetzt Verlag. Alexander Grass verspricht in seiner Danksagung zwar keine Vollständigkeit, dennoch versammelt er eine Vielzahl von Stimmen, die neue Blickwinkel auf den Südkanton eröffnen. Zitiert werden Politiker aller Couleur, Intellektuelle, Forscher, die Berichterstattung der Medien der deutsch- und italienischsprachigen Schweiz sowie Statistiken. 

Die behandelten Themen sind extrem vielfältig, und doch gibt es einen roten Faden: Abseits von Romantisierung und Verklärung beleuchtet das Buch die komplizierten und mitunter angespannten Beziehungen des Tessins zur Deutschschweiz und zu Norditalien. 

Die Abhängigkeit von den Nachbarregionen lässt sich leicht erklären: Das Tessin war lange eine sehr arme Gegend, und besonders in den Tälern waren die Aussichten trübe. Viele Menschen wanderten aus, um anderswo Arbeit und Wohlstand zu finden, andere verkauften Grundstück um Grundstück – oft an wohlhabende Deutschschweizer. Und nicht zuletzt fühlt man sich im Tessin in besonderem Masse vom deutschsprachigen «Bern» politisch bevormundet – auch wenn die Gestaltungsmöglichkeiten der Kantone in der föderalen Schweiz eigentlich gross sind.

Das Buch ist weder parteiisch noch emotional geschrieben, dennoch vermittelt die Schilderung der Fakten starke Emotionen: Je länger man liest, desto besser kann man die Spannung, die heute herrscht, einordnen und die Gründe dafür erkennen. Zu den Konflikten liefert Alexander Grass sowohl Beispiele aus der Vergangenheit als auch aus der Gegenwart.

Foto: Nadia Bendinelli
Das Buch enthält einen Bildessay des Fotografen Alberto Flammer (1938–2023). (Foto: Nadia Bendinelli)

Der 1882 eröffnete Gotthard-Eisenbahntunnel brachte neue Möglichkeiten mit sich: Kapital und Kaderleute kamen ins Tessin. Die Deutsch sprechende Gemeinschaft hatte aber nicht vor, sich zu integrieren: Sie gründete eigene Schulen und Vereine, besass sogar eigene Medien für die Berichterstattung. Die Einheimischen fürchteten eine «Kolonialisierung» – nicht unbedingt wegen der Anzahl der Neuankömmlinge, die gar nicht allzu hoch war, sondern weil diese Geld und Einfluss besassen und bald wichtige Positionen bekleideten.

Zyklisch wird im Südkanton das Thema Sprach- und Kulturverlust aufgegriffen: Immer wieder wurden die kulturellen Eigenheiten des Tessins in Büchern, Zeitschriften und Berichten herausgestellt. Und immer wieder wurde dabei deren Bedrohtheit thematisiert. Die Äusserungen waren dabei oft kritisch und zugespitzt. Alexander Grass hat in seinem Buch einige besonders heftige Aussagen zusammengetragen: Piero Bianconi, Dozent, Autor und Übersetzer, schrieb 1948: «Sie kommen, kaufen Häuser und Grundstücke, bauen nach fremden Regeln, verschanzen sich hinter Stacheldrähten, hinter Schildern, auf denen ‹Verboten› steht, oder ‹bissiger Hund›: Fremde in unserem Leben.» Der Literaturprofessor Fritz Ernst erklärte 1950 in seinem Vortrag an der ETH Zürich, im Tessin niedergelassene Personen nichtitalienischer Sprache seien Feinde des Tessins, wenn sie die Assimilation von Sprache und Sitten verweigerten. 

Zu finden sind im Buch aber auch Statistiken, die die Sorgen um den Schwund der Italianità nicht untermauern können. Trotzdem wird das Unbehagen, wenn nicht gar die Angst im Tessin bei jeder Gelegenheit neu befeuert, wie Grass zeigt: Wenn in der Deutschschweiz über die Streichung der Landessprache Französisch aus dem Lehrplan diskutiert wird zum Beispiel, oder die italienischsprachige Schweiz in der nationalen Politik zu wenig Gewicht hat.

Schriftsteller, Intellektuelle und auch Politiker vertreten zuweilen die These, man wolle sich in der Schweiz im Grunde gar nicht verstehen und lieber nebeneinanderher leben. Alexander Grass, der einst SRF-Korrespondent war, sieht vor diesem Hintergrund die Medien in der Verantwortung: «Digitale Kanäle sind im Tessin zur wichtigsten Meinungsmacht aufgestiegen, es herrscht Beschleunigung, Zeitmangel, Aufregung statt Analyse, Personalisierung, Emotionalisierung. Die Berichterstattung konzentriert sich auf den Kanton Tessin, weil das weniger kostet und dabei die Konkurrenten aus Zürich und Kalifornien nicht mithalten können. Die Kehrseite ist: Es fehlt der Blick über die Kantonsgrenze hinaus, das politische System dreht sich im kantonalen Kreis.» Gleichzeitig sind die Korrespondenten aus anderen Landesteilen im Tessin stetig weniger geworden. Man bezieht seine Informationen mittlerweile aus der Ferne, statt vor Ort zu sein, und streut denselben Beitrag dann in mehreren Zeitungen. Die Vielfalt habe gelitten, kritisiert Grass. 

Foto: Nadia Bendinelli

Das Buch bringt dem Leser die Tessiner Realität auf mehreren Ebenen näher und bleibt dabei unterhaltsam und klar verständlich. Man kann sich zum Beispiel ein Bild von den Ereignissen rund um den Finanzplatz Lugano, den Bau von Staumauern und Tunneln und den Ausverkauf des Bodens an Menschen aus den Nachbarregionen machen, liest aber auch über die eigenen Verfehlungen des Südkantons. Man erfährt spannende Hintergründe zu gewaschenem Mafiageld, den Universitäten und der Medienlandschaft, lernt Tessiner Ängste und Erfolge kennen. Kurzum: Es gibt viel mehr Wissenswertes, als dass es im Süden Palmen und Marroni bis zum Abwinken hat. Vielleicht brauchte es dafür einen gebürtigen Österreicher. Denn zwar lebt Alexander Grass schon sehr lange in der Schweiz und ist mit dem Land und seinen regionalen Besonderheiten bestens vertraut, trotzdem bringt er bis zu einem gewissen Grad einen unvoreingenommenen Blick ein.

Es ist wichtig, einander zuzuhören und sich mit kulturellen Unterschieden auseinanderzusetzen, um sich zu verstehen und wertzuschätzen. Alexander Grass leistet mit seinem dichten und doch angenehm kurzweiligen Buch einen wichtigen Beitrag zu mehr gegenseitigem Verständnis. «Grenzland Tessin» zeigt auf Basis einer beeindruckenden Recherche, dass es immer mehrere Wahrheiten und Wahrnehmungen gibt. Es ist ein wichtiges Buch für die Schweiz, das man nur wärmstens empfehlen kann.

Grenzland Tessin

Grenzland Tessin
Alexander Grass

160 x 236 Millimeter
280 Seiten
33 Illustrationen
Gebunden
ISBN 978-3-03919-583-1
Hier und Jetzt Verlag
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