Ein furioses Plädoyer für eine anschlussfähige Architektur

Elias Baumgarten
11. Januar 2024
Foto: Elias Baumgarten

«Bist du gegen die Architektur?», wurde Stefan Kurath einmal gefragt. Er stellt diese unfreiwillig komische Frage an den Anfang seines Buches «jetzt: die Architektur!» und hat mich damit sofort. Ich muss herzhaft lachen. Gewiss, Kurath ist eine Provokation für all jene, die sich unaufhörlich mit sogenannter «guter» Architektur befassen, kein Interesse an irgendetwas anderem als Architektur haben und nach Möglichkeit die eigene Architekten-Bubble nicht verlassen. Doch natürlich hat der Architekt und Urbanist nichts gegen die Disziplin. Im Gegenteil. Mit «jetzt: die Architektur!» möchte er ihr zu neuer Relevanz verhelfen. Fühlt man sich nicht betupft, ist das bereits 2022 erschienene Buch überaus inspirierend. Ich selbst ignorierte es viel zu lange, doch jetzt habe ich es endlich gelesen und bin beglückt: Die Mischung aus Analyse, Kritik und Manifest ist sprachlich wie intellektuell ein Hochgenuss. Das Buch ist in seiner Position so scharf und zugleich so pfiffig geschrieben, dass man es einmal begonnen tatsächlich kaum noch aus der Hand legen kann. 

Foto: Elias Baumgarten
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Kuraths Ausgangspunkt ist die Frage, warum sich unsere gebaute Umwelt so stark von den guten Absichten der Architekt*innen unterscheidet. Und dabei sucht er die Schuld weniger bei geldgierigen Investoren, unwilligen Behörden oder einschränkenden Normen, sondern vielmehr bei den Architekt*innen selbst, bei ihrem Unvermögen, Koalitionen zu bilden und ihre Anliegen zu vermitteln. Kuraths Botschaft ist einfach und klar: «Es braucht die politische Architektin, den politischen Architekten.» Doch was genau bedeutet dieser Satz, den ursprünglich Köbi Gantenbein als Titel über ein Interview mit dem ZHAW-Professor setzte? Kurath fordert, Architekt*innen müssten sich künftig in «ALLES» einmischen. Sie müssen – um es mit dem französischen Soziologen Bruno Latour zu formulieren, dessen Akteur-Netzwerk-Theorie Kuraths Blick auf die Architektur und das Baugeschehen prägt – zu unentbehrlichen Teilen jenes Netzwerks werden, das Gebäude und städtebauliche Projekte wirklich realisiert. Sie sollen Allianzen schmieden und gesellschaftliche Anliegen in ihren Entwürfen einarbeiten, ohne ihre architektonischen Werte zu verraten. Das aber gelingt viel zu selten, so Kuraths Kritik, weil Architekt*innen die Architektur nur zu oft als autonome Disziplin verstehen.

Foto: Elias Baumgarten
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Es gibt in unserer Profession eine lange Tradition, Architektur unabhängig von ausserarchitektonischen Einflüssen wie den politischen Machtverhältnissen oder der sozialen und ökonomischen Situation zu betrachten und gesellschaftliche Dynamiken zu unterschätzen. Das führt Kurath mit einem Ausflug in die Architekturgeschichte und vor. Architekturhistoriker*innen kümmern sich demnach oft hauptsächlich um die Architekt*innen und ihre Idealvorstellungen – zum Beispiel, wenn sie Georges-Eugène Haussmann als genialen Urheber des modernen Paris präsentieren, ohne auf Faktoren wie die Revolution, die Angst vor neuen Barrikadenkämpfen, die Sorge um die Hygiene und die Person Napoleon III. genauer einzugehen, die aber die Realisierung der Pläne Haussmanns entscheidend begünstigten. Diese «Illusion von einer unabhängigen Architektur» wirke sich bis heute auf das Selbstverständnis der Architekt*innen aus, so Kurath. In manchen Köpfen geht dieses verfälschte Bild der Disziplin einher mit der Idee, «gute» Architektur und «richtiger» Städtebau könnten erzieherisch auf die Menschen einwirken. Wer solch grossartige Gestaltungen dann ablehnen, ist eben einfach unmündig und ungebildet. Diese Haltung erhöht die Chancen auf Realisierung der eigenen Projekte natürlich nicht. Kurath meint sogar, sie führe dazu, dass Architekt*innen wenig bis gar kein Gehör mehr finden. 

Doch was wäre, wenn Architektur anschlussfähig wird, wenn sie die Menschen abholt? Im zweiten Buchteil beschreibt Kurath vier bekannte Anschauungsbeispiele: Gion A. Caminadas Bauten in Vrin, Luigi Snozzis Arbeit in Monte Carasso, Peter Zumthors Therme in Vals und die Strategie von Feddersen & Klostermann sowie Ariane Widmer Pham für Quest lausannois. Für ihn zeigen sie, wie Architekt*innen politische, soziale und ökonomische Rahmenbedingungen geschickt nutzen, um die Realisierungschancen ihrer Projekte zu erhöhen. Snozzi zum Beispiel sicherte sich durch die Erhöhung der Ausnutzungsziffer von 0,3 auf 1 und die Möglichkeit, auf den kleinen Parzellen bis unmittelbar an die Grundstücksgrenze zu bauen, die Zustimmung von Gemeinderat und Bevölkerung. Und durch seine zentrale Position in der örtlichen Baukommission hatte er Einfluss auf alle Bauvorhaben in der Tessiner Gemeinde.

Foto: Elias Baumgarten
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Mich lässt das Buch an Lucius Burckhardt und seine architektursoziologischen Überlegungen zur Beziehung zwischen Architektur und Gesellschaft denken. Schon er forderte die Architekt*innen immer wieder auf, über den Tellerrand zu schauen. Schon er sah die Notwendigkeit, sich nicht nur ideengeschichtlich mit Architektur und Städtebau zu befassen, sondern auch deren Wechselwirkung mit der Gesellschaft zu betrachten. Diese Sichtweise ging Anfang der 1970er-Jahre über die Forderung von Architekten wie Aldo Rossi nach einer «Autonomie der Architektur» verloren. Für mich bringt Stefan Kurath mit «jetzt: die Architektur!» auch Burckhardts Einsichten und Forderungen, die mittlerweile zu vielen nicht mehr bekannt sind, zurück in den Architekturdiskurs. Kuraths Wunsch, die Disziplin möge sich intelligent öffnen und die gesellschaftliche Debatte entscheidend mitgestalten, kann ich mich nur anschliessen – gerade jetzt, gerade in Zeiten des Klimawandels und der gesellschaftlichen Veränderungen. 

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