«Die Sehnsucht darf nie eingelöst werden»

Susanna Koeberle
21. Dezember 2023
Markanter Bau mitten in Pontresina: Das neue Hotel «Maistra 160» (Foto: © Ralph Feiner)

Fünfundzwanzig Jahre habe er an der ETH Zürich gelehrt, Orte zu schaffen, sagte Gion A. Caminada an der Medienführung durch sein soeben fertiggestelltes neustes Werk, das Hotel «Maistra 160» im Dorfkern von Pontresina. Sieben Jahre dauerte die Planungs- und Bauzeit, das ist nicht wenig für ein Hotel. Doch das stattliche Gebäude wird der Zeit standhalten, denn gute Räume überdauern, davon ist auch der Bündner Architekt überzeugt. Die Bauherren Bettina und Richard Plattner, beide erfahrene Hoteliers, haben einiges riskiert mit diesem zeit- und ressourcenintensiven Projekt. Ihre Vision war, ein eigenes Hotel im Engadin zu bauen. Das Resultat dieses Wagnisses – dieses Ortes eben – lässt sich sehen und stellt innerhalb der Oberengadiner Tourismuslandschaft eine Besonderheit dar; und an Hotels ist diese Region gewiss nicht arm. Doch diese historischen Beispiele waren für Caminada keine Referenzen – oder nur am Rande. Heute baue man anders als damals, findet er. 

Was es für ihn bedeutet, in der heutigen Zeit Orte zu schaffen, erklärt Caminada vor Ort. Man merkt schnell, dass ihm der Bezug zur materiellen Dimension von Architektur wichtig ist, auch aus bauethischer Sicht – in seiner Einführung etwa fällt bald einmal das Stichwort Nachhaltigkeit. Ebenso von Gewicht für die Entwurfshaltung des Architekten ist allerdings der geistige Echoraum. Zwischen der Idee und ihrer materiellen Umsetzung liegt ein Prozess, den es auszuhalten gibt. Am Anfang steht für den Bündner Denker und Architekten ein Bild, eine Idee. Von einem Menschen, dessen Metier darin besteht, Bauwerke zu gestalten, würde man als Initialzündung für einen Entwurf eher einen ästhetischen Begriff erwarten. Natürlich spielt für Caminada auch die Ästhetik eine Rolle. Wenn man den Worten des Baukünstlers lauscht, fällt insbesondere die häufige Bezugnahme auf Kollegen aus der Kunst auf. Von Künstlern wie Max Klinger, Giorgio de Chirico, Edward Hopper oder Giovanni Segantini habe er für dieses Projekt viel mitnehmen können, sagt er. Hingegen werden Bauwerke als Inspirationsquelle nicht genannt. 

Einladende Eingangshalle mit Restaurant und Bar (Foto: © Andrea Klainguti)

Aber zurück zur Idee, denn diese steht an diesem Mittwoch drei Tage vor der offiziellen Eröffnung recht bald im Raum. Die Idee des Hotels besteht für den Architekten aus drei Worten oder vielleicht müsste man von einem Dreiklang sprechen: Traum, Sehnsucht und Gastfreundschaft. In touristischen Prospekten wird gerne das Wort Sehnsuchtsort bemüht. Caminada versteht Sehnsucht allerdings nicht als etwas, das man konsumieren kann, sondern als etwas Immaterielles, das zurückbleibt. Die Sehnsucht dürfe eben nicht eingelöst werden, findet er. Hotelarchitektur hat in diesem Fall eine ganz konkrete Aufgabe: Sie soll den Gast dazu animieren, zurückzukehren. Das kann sie mitunter, indem sie sich einprägt und in der Erinnerung einnistet. Bauten, die solches zu tun vermögen, attestiert Caminada Identität, er spricht wiederholt vom «Charakter der Räume». Man könnte meinen, er rede von Menschen oder zumindest von beseelten Entitäten – auch das ein Wort, das fällt. Ein Ort brauche viele Entitäten, sagt der Bündner. 

Dazu gehört in seinen Augen nicht nur die Qualität des Baus sowie der Materialien, aus denen er besteht, auch die Menschen, die diesen Ort bewohnen oder ihn auch nur temporär als externe Gäste betreten, werden Teil von ihm. Ein Hotel ist schliesslich auch ein öffentlicher Raum. Gastfreundschaft heisst auch, der lokalen Bevölkerung etwas geben – etwa eine Bar, in der sich die Dorfjugend treffen kann. Und der Traum, das dritte Zauberwort der Initialidee? Meint er damit vielleicht die fast «metaphysische» Stimmung der unteren drei Stockwerke, in denen sich auch die Spa-Räumlichkeiten befinden? Einiges spricht dafür: das grottenartige Dampfbad aus Basalt des Künstlers Reto Müller etwa oder die runde Öffnung im Aussenhof, die an Arbeiten von James Turrell erinnert. Ebendieser Hof wird von einem Säulengang gesäumt, der an die traumähnlichen Bilder des italienischen Malers und Bildhauers Giorgio de Chirico denken lässt. Und in der dunklen Mitte des Innenhofs züngeln Flammen aus Steinfragmenten. Auch die sich in den fensterlosen Gängen rhythmisch wiederholenden «Fake-Fenster» aus Marmor des Künstlers Christian Kathriner erzeugen eine fast surreale Stimmung. 

Das Dampfbad aus Basalt wurde vom Künstler Reto Müller entworfen. (Foto: © Ralph Feiner)

Sogar der wunderschöne Terrazzoboden in der Eingangshalle bewirkt – bei mir zumindest – einen kindlichen Moment des Staunens: Da ist nämlich auch Jade drin und zwar aus dem Puschlav! Vor dem inneren Auge sehe ich mich schon jadeschnüffelnd im tiefen Puschlaver Wald. Stichwort staunen: Das sollen Besucher*innen durchaus, wenn sie die grosse Eingangshalle betreten, findet Caminada. Ich tue das ja bereits, wenn ich den Boden betrachte. Die mächtigen Leuchter, die Säulen aus massiven Granitblöcken, die geschwungene Bar aus Nussbaumholz: Der erste Blick schafft schon eine Vielzahl an Ereignissen. Man ist zunächst fast etwas überwältigt und auch etwas erstaunt. Das kennt man so nicht von Gion A. Caminada, der bekannt ist für subtile Holzbauten in seinem Heimatdorf Vrin. 

In jedem der 36 Zimmer ist das florale Deckenbild anders. (Foto: © Andrea Klainguti)
Die sogenannte «Stüvetta» bietet Rückzugsmöglichkeiten. (Foto: © Andrea Klainguti)

Vertrauter erscheinen die 36 Zimmer, die schlichten Holzschatullen gleichen. Aber auch hier entdeckt man Neues, Unbekanntes, Überraschendes. Dinge, welche die Raumkörper regelrecht zum Vibrieren bringen: zum Beispiel florale Deckenmotive. In jedem Zimmer blüht eine andere Bergblume. Gestaltet wurde dieses Element durch die beiden Textildesigner Martin Leuthold und Bernard Duss. Und in den Bädern hat die Urushi-Kunsthandwerkerin Salome Lippuner die Waschtische mit dem transluziden asiatischen Urushi-Lack bearbeitet. Auch solche Details sind höchst ungewöhnlich für ein Hotel. Jedes Zimmer verfügt zudem über eine separate «Stüvetta», eine Art Erker, der zum Lesen, Nachdenken oder In-die-Landschaft-Schauen anregt. Oder notfallmässig ­auch als Zufluchtsort dienen kann – man weiss ja nie, was in den Ferien alles passieren kann mit Menschen und ihren Beziehungen. Diese Räume werden es richten. Zugehörigkeit ist kein permanentes Gefühl. Wir sind hier schliesslich nur temporär zu Gast – im Hotel und auf der Erde. 

Blick vom Innenhof auf die talseitige Fassade (Foto: © Montamont)

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