Weiterspinnen

Paulina Minet | 13. März 2026
Die historische Straßenfassade blieb nahezu unverändert erhalten. Die benachbarte Fabrikantenvilla wird derzeit zu zwei Wohnungen umgebaut. (Foto: © Roland Bernath)

Einst floss das Wasser aus dem Weiher durch den Fabrikkanal zur Turbine und trieb so die Spinnmaschinen in den Fabriketagen an. Doch an diesem Morgen sitzen die Menschen mit ihrem ersten Kaffee auf bepflanzten Plattformen über dem Kanal und geniessen die ersten Sonnenstrahlen, während kühle Wassertröpfchen auf der Haut zerstäuben. Kann ein Tag erholsamer starten? – Dieses Idyll ist nur 15 Minuten von Winterthur entfernt: Umgeben von den Wäldern und Wiesen des Tösstals liegt die alte Baumwollspinnerei in der Gemeinde Kollbrunn. Das Industriegebäude wurde in den 1830er-Jahren für eines der damals größten Spinnerei-Imperien der Schweiz, die Firma Johann Jakob Bühler und Söhne, erbaut. Als Zeitzeugin einer politisch, wirtschaftlich und sozial prägenden Epoche gilt die Anlage heute als schützenswert. Trotzdem standen die Bauten jahrzehntelang leer, ehe vor etwa zwei Dekaden ein neuer Gestaltungsplan eine Umzonung vorsah und die Wohnnutzung des Industriedenkmals ermöglichte. Damit waren die Voraussetzungen geschaffen für einen Umbau, den Graf Biscioni Architekten zwischen 2019 und 2024 planten und realisierten.

In enger Rücksprache mit dem Heimatschutz und der Denkmalpflege blieb das äußere Erscheinungsbild straßenseitig weitestgehend erhalten. Zum Kanal auf der Nordseite entstanden private Balkone sowie schwebende Plattformen über dem Wasser, die nur aufgrund der Umzonung und der damit vorgeschriebenen Freibereiche zulässig waren. Sie werden von gemeinschaftlich genutzten Außenräumen ergänzt. So wurde ein Teil des Weihers mit ausreichendem Abstand zum Kraftwerk als Quartierpool ausgebildet, während um die Villa Bühler neu ein Gemeinschaftsgarten angelegt ist.

Auf der Nordseite wurden Balkone ergänzt. (Foto: © Roland Bernath)
In der umgebauten Spinnerei ist die fast hundertjährige Holzkonstruktion aus Stützen und Balken zu erleben. Sie wurde sorgfältig saniert und, wo nötig, ertüchtigt. (Foto: © Roland Bernath)

Im Inneren führten die Winterthurer Architekten die Fabrikhalle bis auf den Rohbau zurück. Die bestehenden Treppenhäuser im Osten und Westen mit Metall- oder Holzgeländern blieben erhalten und versprühen nach wie vor Industriecharme. Auch die Tragstruktur in Vollholz wurde belassen, sandgestrahlt und mit Sorgfalt ertüchtigt. Während der Sanierung wurden die Holzbalkendecken überbetoniert. Dies gewährleistet einen guten Trittschall- und Brandschutz und sorgt für Erdbebensicherheit. Allerdings führte der nun höhere Bodenaufbau zu einer Kollision mit den Öffnungsflügeln der Fenster. Diese wurden durch feststehende Elemente mit Kämpfer im unteren Drittel ersetzt. Die beiden oberen Fensterelemente lassen sich unterdessen weiterhin öffnen.

Der Entwurf nimmt Rücksicht auf die variierende statische Grundordnung. Dem drei bis neun Meter breiten Raster folgend, sind 35 Eigentumswohnungen mit sieben unterschiedlichen Wohnungstypen und bis zu 6.5 Zimmern angeordnet. Die Wohnungsgrundrisse sind offen gestaltet und können durch ein modulares, rückbaubares Wandsystem gegliedert werden. Architekt Roger Biscioni meint dazu: »Unsere Grundrissgestaltung ist geprägt vom Einfluss des bekannten Schweizer Architekten, Stadtplaner und Hochschullehrer der Moderne, Hans Bernoulli, und demnach minimalistisch und einfach gehalten.« Die Wohnungen haben eine Grundfläche von 73 bis 186 Quadratmetern und sind in ihrer Atmosphäre stark vom Bestand geprägt. 

Die Sheddächer sorgen für ein besonderes Flair in den westlichen Dachwohnungen, während sich im Attikageschoss Lukarnen über die gesamte Gebäudelänge erstrecken. Diese konnten nach enger Rücksprache mit der Denkmalpflege statt der ursprünglich geplanten kleineren Gauben und Dachflächenfenster eingebaut werden. Die Lukarnen schaffen zusätzlichen Wohnraum und sorgen für eine bessere Belichtung.

Zunächst waren kleine Gauben und Dachfenster geplant. Doch in Absprache mit der Denkmalpflege vergrößern nun Lukarnen die Dachwohnungen. (Foto: © Roland Bernath)
Die sogenannten »Townhäuser« erstrecken sich über je vier Geschosse, die durch eine Wendeltreppe erschlossen sind. (Foto: © Roland Bernath)
In der Shedhalle (Foto: © Roland Bernath)

Ein Sondertypus sind die »Townhäuser« im westlichen Gebäudeteil. Über eine Breite von drei Metern erstrecken sich die Reihenhäuser über je vier Geschosse und sind im Inneren durch eine Wendeltreppe erschlossen. Dies war nur möglich, da aufgrund des Einfamilienhausstatus keine Barrierefreiheit gewährleistet werden musste.

Der industrielle Charakter bleibt im Inneren aller Wohnungen spürbar. Weite Räume ermöglichen eine vielfältige Nutzung, warmes Holz sorgt für Behaglichkeit, und an den Balkenschuhen hängen persönliche Gegenstände. Der Innenausbau erfolgte individuell nach den Wünschen der Käuferinnen und Käufer in einer von drei unterschiedlichen Gestaltungsvarianten.

In den kommenden Jahren soll das restliche Fabrikareal weiterentwickelt und etappenweise transformiert werden. Der Umbau des alten Spinnereigebäudes markiert den Beginn dieses Prozesses; aktuell nähert sich der Umbau der Villa Bühler zu zwei Wohnungen der Fertigstellung.

Die Spinnerei in Kollbrunn war nicht das erste Projekt dieser Art, das Graf Biscioni Architekten realisierten. Bereits beim Umbau der denkmalgeschützten Schuhfabrik in Winterthur (2013–2017) bewiesen sie ein glückliches Händchen und entwickelten ebenso großzügige Wohnungsgrundrisse. Auch damals war der Bauprozess von einer engen Zusammenarbeit mit den zuständigen Ämtern geprägt. Aufgrund der bedeutenden Industriegeschichte der Stadt im 19. und 20. Jahrhundert ist außerdem davon auszugehen, dass es sich nicht um die letzte Umnutzung eines Industriedenkmals handeln wird. So entwickelte sich Winterthur von einem der wichtigsten Maschinenbau- und Industriezentren der Schweiz in den letzten Jahrzehnten zur Kulturstadt.

Grundriss Erdgeschoss (© Graf Biscioni Architekten)
Grundriss 2. Obergeschoss (© Graf Biscioni Architekten)
Querschnitt (© Graf Biscioni Architekten)

Projektinformationen Umnutzung Baumwollspinnerei Kollbrunn
 
Standort
Kollbrunn, Kanton Zürich, Schweiz
 
Bauherrschaft
Swiss Property AG, Zürich
 
Architektur
Graf Biscioni Architekten, Winterthur
Andrea Marini, Alejandro Aguilar, Mona Nüssli, Roger Biscioni, Marc Graf, Nicole Wenzel, René Schnellmann, Gamze Atas, Jing Zhao, Alessia Stefanori, Leah Scherrer, Robert Gehring, Martin Haller und Gilaad Bensimon

Bauingenieur
Ingenieurbüro A. Keller AG, Weinfelden

Holzbauingenieur
Krattiger Engineering AG, Birwinken

Bauphysik und Brandschutz
Mühlebach Partner AG, Winterthur

Heizung, Lüftung, Kühlung und Sanitär
Wirkungsgrad Ingenieure AG

Landschaftsarchitektur
Studio Vulkan, Zürich
 
Vergabe
Direktauftrag, 2019

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