Umnutzung statt Neubau

Katharina Marchal | 13. März 2026
Das einstige Foyer wurde zum vielfältig nutzbaren Konzertsaal. Von der Decke hängende Spiegel reflektieren das Licht der Leuchten, die im Innenraum aufgesetzten Holzstützen und -fenster sowie schwere Vorhänge verbessern die Akustik und dämpfen den Schall. (Foto: © Beat Bühler)

Endlich ist es so weit: Nach zwanzig Jahren erhält Reinach seine eigene Musikschule – das »Haus der Musik«. Endlich kann der Musikunterricht an einem Ort stattfinden und muss nicht länger auf verschiedene Bauten verteilt organisiert werden.

Alles kam anders als geplant: Zum Glück hatte die Bevölkerung ein Neubauprojekt beim Schulhaus Weiermatten in einer ersten Abstimmung abgelehnt. Dafür stimmte im Jahr 2023 beim zweiten Anlauf eine überwältigende Mehrheit für den Vorschlag des Einwohnerrats, ein Bürogebäude auf dem Grundstück des ehemaligen Industrieareals der Firma Obrist Verpackungen zu kaufen und zur Musikschule umzubauen. 

Burckhardt Entwicklungen hatten zehn Jahre vorher einen Teil des ehemaligen Industriegeländes erworben und in ein Wohngebiet mit 87 Eigentumswohnungen transformiert. »Dass der Abbruch des gut erhaltenen Bürogebäudes an der südöstlichen Ecke des Areals keine gute Option ist, war schnell klar«, betont Philipp Löffel, Projektleiter bei Burckhardt Entwicklungen. Das multidisziplinäre Team trat bei diesem Projekt als Totalunternehmerin auf. Schnell reifte die Idee, der Gemeinde eine sinnvolle und dem Quartier dienende Nutzung zu schenken. 

Von außen ist die Musikschule noch als Bürogebäude zu erkennen. Die originale Aluminiumfassade wurde repariert. Wo einst Lagerhallen anschlossen, befindet sich nun der Eingang mit großem Bullaugenfenster. (Foto: © Beat Bühler)
Zwei bogenförmige Mauersegmente aus Lehmsteinen fassen eine Bühne im Konzertsaal. Große Holztüren öffnen den Durchgang zu den Unterrichtsräumen. (Foto: © Beat Bühler)
Minimaler Rückbau, Re-Use und Naturbaustoffe

Umbau und Sanierung des Gebäudes folgen einem einfachen Grundsatz: Wenig Rückbau, größtmöglicher Einsatz von regenerativen, recycelten und bereits vorhandenen Materialien und Bauteilen. Die Fassade des Büros blieb weitgehend erhalten. Die Aluminiumverkleidung aus den späten 1980er-Jahren wurde saniert und der Hauptzugang auf die Längsseite des Gebäudes verlegt. Wo früher Lagerhallen anschlossen, liegt heute der Eingang der Schule. Damit vermittelt das Gebäude zwischen den Gewerbebauten entlang der Hauptstraße und dem neuen durchgrünten und gemischt genutzten Wohnquartier Hinterkirch.

Am der Siedlung zugewandten Vorplatz lassen das verspielte Muster der Holzlattenverkleidung im Erdgeschoss sowie das runde Fenster und eine lange Sitzbank neben der Eingangstür erahnen: Das Haus ist für Kinder gestaltet. 

Im Innenraum schaffen überraschend wenig Mittel und Eingriffe einen komplett neuen Eindruck. Im Foyer und im Korridor des Erdgeschosses erhalten aufbewahrte Deckenelemente aus Chromstahl ein neues Leben: Sie erweitern optisch den eng bemessenen Raum und erinnern an den ursprünglichen Ausbau. Zuvor als abgehängte Decken verwendete mineralische Platten werden in den Unterrichtsräumen zu neuen Akustikwandelementen umgenutzt. Weitere Bauteile, etwa die Innentüren, wurden so weit wie möglich ertüchtigt und weiterverwendet. 

Wo neue Materialen eingesetzt wurden, wählten die Architekten weitgehend regenerativ Naturbaustoffe wie Holz, Flachs und Lehm. So handelt es sich bei der geschwungene Wand im ehemaligen Foyer, das heute als Mehrzweckraum genutzt wird, um zwei halbrunde Lehmsteinmauern, die eine Bühne einfassen. Ihre Form nimmt die architektonische Gestaltung des Bestands wieder auf. Dieser große Saal im Erdgeschoss bildet das Herzstück der Musikschule. Er fasst bis zu 90 Personen und ermöglicht unterschiedliche Nutzungsszenarien: Bei öffentlichen Veranstaltungen wird er zum Konzertsaal, im alltäglichen Gebrauch dient er als Unterrichtsraum. Auch größere Proben können hier stattfinden. Mit wenig Elementen wurde aus dem Foyer ein festlicher Saal gestaltet – etwa durch die schwebenden runden Spiegel an der Decke, in denen sich die Glühbirnen reflektieren. Womöglich wurde diese Gestaltung von der Beleuchtung im Eingangsbereich des ehemaligen Whitney Museums in New York inspiriert – dem ikonischen Gebäude von Marcel Breuer, das letztes Jahr von Herzog & de Meuron für Sotheby’s umgebaut wurde. Schwere Vorhänge in den Ecken dämpfen den Schall und setzen zarte Farbakzente. Gleichzeitig übernimmt der neue Hirnholzparkett den Industriecharakter.

In den Unterrichtsräumen im Obergeschoss variieren die robusten Böden von Industrie- und Hirnholzparkett bis zu Sportbelägen aus Eiche. In den Gangzonen wurde unterdessen mineralischer Spachtelbelag verwendet. Die Böden im Treppenhaus sind durchgehend aus geschliffenem und lasiertem Beton. Hier sind die Wände mit Zeichnungen des Basler Künstlers Eddie Hara verziert. All dies nimmt dem Innenleben seinen anonymen Bürocharme. Auf Kühlung und Lüftung wurde verzichtet. Zur Stromerzeugung dient eine Photovoltaikanlage auf dem Dach.

Naturbaustoffe wie Holz prägen die neu gestalteten Innenräume. (Foto: © Beat Bühler)
Nischen auf den Gängen dienen als Rückzugsräume für die Schülerinnen und Schüler. Die Architekten achteten auf eine kindgerechte Gestaltung. (Foto: © Beat Bühler)
Foto: © Beat Bühler
Für Kinder gestaltet

Über vier oberirdische Geschosse verteilen sich verschiedene Instrumental- und Schlagzeugräume sowie Bandräume mit Regiebereichen. In den schallisolierten »Silent-Räume« kann individuell geprobt werden. Im zweiten Obergeschoss befinden sich die Räume von Lehrpersonal und Schulleitung.

Die Erschließungsbereiche in den Obergeschossen wurden mittels Raumerweiterungen und Nischen so gestaltet, dass sie in ihrem Maßstab auf Kinder zugeschnitten sind. Die Musikschülerinnen und -schüler können sich beispielsweise an runde Bücherregale anlehnen oder zum Lesen in ein Versteck zurückziehen. Kreisförmig sind auch die Gucklöcher in den Türen. Das Farbkonzept dient den Kindern als Orientierungshilfe.

Farben spielen bei der Gestaltung eine wesentliche Rolle. Sie erleichtern die Orientierung und brechen die Anonymität der einstigen Büroräume. (Foto: © Beat Bühler)
Recycelte Akustikpaneele und eine Verdopplung der Fassade aus Fichtenholz sorgen für eine hervorragende Klangqualität und guten Schallschutz. Die robusten Fußböden bestehen aus Eiche. (Foto: © Beat Bühler)
Foto: © Beat Bühler
Einbauten für eine bessere Akustik

Um die besonderen Anforderungen an die Akustik einer Musikschule zu erfüllen, waren maßgeschneiderte Lösungen erforderlich: Für die Verbesserung des Schallschutzes und zur energetischen Sanierung wurde die Fassade im Innern verdoppelt. Die zweite Schicht aus einfach isolierten Holz-Metallfenstern und die Verkleidung der Stützen und Brüstungen aus Fichte werten die Innenräume zudem auf. Doch vor allem trennt das Raum-im-Raum-Konzept im Erdgeschoss und im ersten Obergeschoss die Musikräume mit starker Schallentwicklung von den übrigen Instrumentalräumen ab. Durch die Entkopplung der Zwischenwände konnte die Schallübertragung verhindert werden, zudem wurden Kabel und Leerrohre abgedichtet. Nachträglich stellte man überraschenderweise fest, dass die Lehmwände bei der Schallpegelmessung besser abschnitten als herkömmliche Gipswände.

Die Schülerinnen und Schüler können sich auf sehr unterschiedliche Übungsräume mit idealer Akustik sowie individuelle und kindergerechte Aufenthaltsräume freuen. Mit dem Unterrichtsbeginn im neuen Haus der Musik eröffnen sich für die Musikschule Reinach neue pädagogische Möglichkeiten. Neu ist außerdem, dass die Räume nicht nur für den Unterricht, sondern auch zum Proben zur Verfügung stehen.

Die Treppenhäuser sind mit Kunstwerken von Eddie Hara gestaltet. (Foto: © Beat Bühler)
Situation (© Burckhardt Entwicklungen AG)
Grundriss Erdgeschoss (© Burckhardt Entwicklungen AG)
Grundriss 1. Obergeschoss (© Burckhardt Entwicklungen AG)
Grundriss 2. Obergeschoss (© Burckhardt Entwicklungen AG)
Grundriss 3. Obergeschoss (© Burckhardt Entwicklungen AG)
Schnitt C (© Burckhardt Entwicklungen AG)
Schnitt F (© Burckhardt Entwicklungen AG)

Projektinformationen Haus der Musik
 
Standort
Reinach, Basel-Landschaft, Schweiz
 
Bauherrschaft
Burckhardt Entwicklungen AG, Basel
 
Architektur
Burckhardt Architektur, Basel
Christina Muchsel (Projektverantwortliche), Thomas Floris (Projektleitung), 
Andrea Landell (Gestaltungsleitung und Nachhaltigkeitskonzept), Christoph 
Hauser (Bauleitung), Anouk Burkhalter, Simone Chiumento, Thomas 
Regenass, Moritz Williams und André Windrich 

Bauingenieur und Bauphysik
Gruner AG, Basel

Kreislaufgerechtes Bauen
Zirkular GmbH, Basel und Zürich

Sanierung Bestandsfassade
Gerber-Vogt AG, Allschwil

Außenfassade in Holz
S.A. Holzbau AG, Pratteln

Holzfenster
Gerber Vogt, Allschwil

Kunst am Bau
Eddie Hara, Basel

Landschaftsarchitektur
Studio Vulkan Landschaftsarchitektur AG, Zürich
 
Vergabe
Direktauftrag, 2023

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