Phönix aus der Asche

Susanna Koeberle | 5. Dezember 2025
»Art-Tek Tulltorja« ist als dynamischer, umwelt- und klimafreundlicher Hub konzipiert, an dem Kreative und Technologieunternehmen zusammenkommen. Das Transformationsprojekt wurde mit dem Grand Prize der Holcim Foundation Awards ausgezeichnet. (Visualisierung: © Liam Martin)

Es gibt Länder und Gegenden auf dieser Erde, in denen Transformation Teil des Überlebens ist – und nicht lediglich ein »Nice-to-have«. Oder zumindest nimmt das Thema Umwandlung eine wichtige soziale oder städtebauliche Funktion ein. Dies ist auch in Pristina der Fall, der Hauptstadt des Kosovo. Die Bevölkerung des Landes gehört europaweit zur jüngsten und treibt Veränderung im Eiltempo voran. Das ist nicht immer ganz einfach, mitunter weil die jüngere Geschichte des Landes stark durch die Folgen des Kosovokriegs geprägt ist. Die Tatsache, dass die Republik Kosovo ein Post-Konflikt-Staat ist, war auch an der Manifesta 14 spürbar. Die nomadische Kunstbiennale fand 2022 in Pristina statt und bot ein Spiegelbild der lokalen Kunstproduktion. Viele der gezeigten Arbeiten thematisierten den Krieg und die Wunden, die dieser hinterließ. Verteilt waren die Werke von über hundert Kunstschaffenden an 25 Örtlichkeiten, die überdies Einblick in das architektonische Erbe der Stadt gaben. 

Anlässlich unseres Besuchs der 100-tägigen Veranstaltung besichtigten wir unter anderem auch die »Brick Factory«, eine ehemalige Ziegelfabrik, die seit vielen Jahren eine Art Terrain vague darstellt und während der Manifesta als Austragungsort von verschiedenen Anlässen aktiviert wurde. Davor war das verlassene Gelände über viele Jahre zum illegalen Entsorgen von Abfall genutzt worden und gehörte zu den schmutzigsten Ecken der Stadt. Die in den späten 1940er-Jahren erbaute und bis in die Mitte der 1980er-Jahre funktionierende Ziegelei war einst ein wichtiger Produktionsort. Fünfzig Prozent der dort hergestellten Ziegel wurden in Pristina verbaut. Das macht das Grundstück umso bedeutsamer. Während sich die Fabrik früher außerhalb der Stadt befand, ist sie heute Teil des urbanen Gefüges. Das postindustrielle Gelände bildete gleichsam eine Leerstelle inmitten von Pristina. Schon im Manifesta-Jahr stand deswegen die Neunutzung der Fläche zur Debatte. 

Sicht auf die umgestaltete Anlage aus Nordosten (Visualisierung: © Liam Martin)

Als wir im Rahmen einer Einladung zu den diesjährigen Holcim Foundation Awards erfuhren, dass die Umnutzung der Ziegelfabrik zu den prämierten Projekten der Region Europa gehörte, war die Neugierde groß, mehr über »Art-Tek Tulltorja« zu erfahren. Im Gespräch erläuterte Rafi Segal als einer der Projektverantwortlichen das Vorhaben. Das Konzept geht zum einen vom historischen Kontext des Ortes aus, zum anderen von der kreativen Energie der jungen Menschen von Pristina. Kunst und Technologie spielen dabei eine wichtige Rolle. Die Ausschreibung für den Wettbewerb fußte auf der Idee, einen Hub für beide Felder zu schaffen. »Diese Kombination machte für uns total Sinn. Ich denke, das Projekt bietet eine wunderbare Gelegenheit, durch urbane, architektonische und landschaftliche Eingriffe ein bedeutendes Signal an die Bevölkerung zu übermitteln«, sagt Segal, der auch Professor am Massachusetts Institute of Technology, kurz MIT, ist. 

Der Entwurf, bei dem neben Segals Büro aus Boston weitere internationale sowie lokale Partner (federführend sind OUD+Architects, ORG Permanent Modernity und die Künstlerin Marisa Morán Jahn) involviert sind, verwandelt die Industriebrache in einen lebendigen städtischen Raum. Dieser schafft zudem eine Verbindung zwischen dem angrenzenden Quartier, dem Stadtzentrum und der Landschaft. Ein Teil der Bauten der ehemaligen Ziegelei soll renoviert werden, es kommen aber auch neue Strukturen hinzu. Das Ensemble von Bauwerken und offenen Grünflächen will unterschiedliche Ansprüche erfüllen. Rafi Segal nennt das Projekt einen »urban generator«. 

Zugang vom Stadtzentrum aus (Visualisierung: © Liam Martin)

Ein zentraler Gedanke dabei: Vergangenheit ist die Grundlage der Zukunft, sowohl materiell als auch ideell. Die Transformation von »bricks to bites« soll die Basis bilden für kulturelle Produktion. Das Material der Bauten, die »bricks« eben, die nicht mehr saniert werden können, wird vor Ort von Robotern zerkleinert und zu Pflastersteinen für den Bodenbelag verarbeitet. Gebaut wird im eigentlichen Sinne auf und mit der Vergangenheit. Die einstige Fabrik, die die Stadt erbaute, wird zugleich zu einem neuen Produktionsort. »Mit den Mitteln des Designs schaffen wir einen Rahmen für neue identitätsstiftende Narrative«, so Segal. Dass die Künstlerin Marisa Morán Jahn von Beginn an mit ins Boot geholt wurde und Ideen zum Design des Projekts beisteuerte, ist ungewöhnlich. Häufig kommt nämlich Kunst bei Bauprojekten quasi als Kirsche auf der Torte zuletzt ins Spiel. Ausgehend von traditionellen kosovarischen Artefakten und Ornamenten interpretierte Jahn diese durch die Übertragung in ein modernes Material neu. Die Motive werden bei den roten turmartigen Metallstrukturen eingesetzt, die an die bestehenden Bauten andocken. Sie beinhalten Infrastruktur wie Treppen, Toiletten oder Klimaanlagen. Kunst ist also nicht Verzierung, sondern Bestandteil des Gebauten. 

Die ehemalige Ziegelei in Pristina wurde als informelle Mülldeponie und als Hinterhof einer Gemeinde genutzt, in der seit jeher benachteiligte ethnische Albaner und Albanerinnen leben. Im Hintergrund ist das Stadtzentrum zu sehen, das in 15 Minuten zu Fuß erreichbar ist. (Foto: Archivbild)

Was auf den Visualisierungen nicht so gut zur Geltung kommt: Das Ganze soll sehr roh daherkommen, wie Segal betont. Die Leute aus der Techbranche sind wie auch Kulturschaffende in der Regel keine Fans von hübschen Locations. Art-Tek Tulltorja ist als offene Form konzipiert, die erst durch Aneignung zum Leben erweckt werden wird. Diese Geste widerspiegelt sich auch in der Gestalt des Grundstücks, das an eine offene Hand erinnert. Dabei schaffen die begrünten Freiräume zwischen den unterschiedlichen Bauwerken eine Einheit, aber ohne das Flickwerk von Alt und Neu homogenisieren zu wollen. 

Art-Tek Tulltorja ist als offene Hand konzipiert, mit infrastrukturellen und blaugrünen »Fingern«, die zwischen renovierten Industriegebäuden und neuen Strukturen angeordnet sind. (Lageplan: © Rafi Segal mit OUD+Architects und ORG Permanent Modernity)

Rafi Segal weiß aus eigener Erfahrung um die politische Kraft von Architektur. Vor über zwanzig Jahren war er zusammen mit Eyal Weizman und David Tartakover Mitherausgeber einer Publikation, die sich kritisch mit der israelischen Planung und Politik in der Westbank auseinandersetzte. So wie Architektur im negativen Sinne als strategische Waffe eingesetzt werden kann, können Architekten und Designerinnen in Segals Augen auch eine Alternative anbieten. Statt Wände und Grenzen zu errichten, hat Architektur die Wahl, das Gegenteil zu tun: Eine offene Hand zu sein, die nicht geschlossen werden kann. Genau das erzählt das Projekt in Pristina. Dass Art-Tek Tulltorja im November zusätzlich mit dem Grand Prize der Holcim Foundation Awards ausgezeichnet wurde, ist eine starke Botschaft, die über den Kosovo hinausstrahlt.

Mit dem Team auf der Bühne standen Laura Viscovich, Geschäftsführerin der Holcim Foundation for Sustainable Development, Kjetil Thorsen, Vorsitzender der europäischen Jury des Preises und Gründungspartner von Snøhetta, sowie Perparim Rama, Bürgermeister von Pristina.  (Foto: © Holcim Foundation)

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