In den Bergen bauen die Jahreszeiten

Elias Baumgarten | 31. Oktober 2025
Foto: © Ralph Feiner

Der Wintertourismus brachte vielen Alpenregionen Wohlstand. Doch inzwischen bedroht der Klimawandel das Geschäft. Nur an wenigen Orten zeigen sich die Folgen der Erderwärmung so drastisch wie im Alpenraum: Seit der Industrialisierung sind die Durchschnittstemperaturen in der Schweiz um 2.9 Grad gestiegen. Die Nullgradgrenze verläuft heute 400 Meter höher als noch in den 1960er-Jahren, und die Schneetage sind in den letzten Jahrzehnten um bis zu 50 Prozent zurückgegangen. Expertinnen und Experten befürchten, dass sich diese Entwicklung fortsetzen und womöglich sogar noch beschleunigen wird: MeteoSchweiz prognostiziert einen Temperaturanstieg um 3 Grad, sollten keine entschlossenen Klimaschutzmaßnahmen durchgesetzt werden. Viele Schweizer Skigebiete stünden vor dem Aus.

Beliebte Ferienorte setzt das unter Druck: Sie müssen sich neu erfinden. Films besinnt sich angesichts der großen klimatischen Veränderungen auf die Anfänge seiner Tourismustradition: Um die Jahrhundertwende lockten glitzernde Bergseen Kur- und Badegäste in die Bündner Gemeinde. Sie erholten sich in der Seebadeanstalt Waldhaus und schwammen im Caumasee, auf dem ab 1911 ein – inzwischen leider zerstörtes – hölzernes Badehaus schaukelte.

Um die Tourismusinfrastruktur am See zu stärken, wollte die Gemeinde schon seit längerem das Seeufer mit einem neuen Restaurant architektonisch aufwerten. Doch die Menschen wehrten sich lange gegen bauliche Eingriffe in das Landschaftsschutzgebiet, das nur zu Fuß oder mit einer Standseilbahn erreichbar ist: Einen weißen Betonkubus von Valerio Olgiati an der Uferkante lehnten sie genauso ab wie das Siegerprojekt eines Architekturwettbewerbs im Jahr 2003. Erst ein Entwurf von Corinna Menn überzeugte 2022 die Bevölkerung – denn das Projekt verbindet umweltfreundliches Bauen, einen pfleglichen Umgang mit der Landschaft und poetische Architektur.

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Foto: © Leonardo Finotti
In sensibler Umgebung

Die Bündner Architektin ist eine Pionierin des sanften Bauens für den Tourismus. 2005 gewann sie den Wettbewerb für die Aussichtsplattform Il Spir bei Conn mit einem verantwortungsbewussten Konzept: Sie weigerte sich, das Bauwerk aufwendig in die Rheinschlucht zu integrieren. Stattdessen setzte sie eine filigrane reversible Konstruktion an die Oberkante des Abhangs.

Auch das Restaurant am Caumasee ist im Sinne der kulturellen und ökologischen Nachhaltigkeit konzipiert: Das Gebäude ist so nahe an den Waldrand geschoben, wie es eine Sondergenehmigung von Kanton und Gemeinde zuließ. So bleibt das malerische Seeufer frei. Um möglichst wenig Boden zu versiegeln, wurden die Funktionen in dem dreigeschossigen Haus gestapelt: Auf der Uferebene können die Badegäste im Sommer kleine Snacks und erfrischende Getränke kaufen. Über dem Kiosk nimmt ein Zwischengeschoss Lager- und Technikräumen auf. Und zuoberst serviert das Restaurant Ustria La Cauma ganzjährig Traditionelles und Mediterranes.

Gebaut wurde größtenteils mit regionalem Holz: Alle Vollholz-Bauteile stammen aus dem Filmser Gemeindewald, und nur die in den Hang gebauten Gebäudeteile wurden betoniert. Verschraubte Elemente, Zimmermannsverbindungen und eine additive Konstruktionslogik erlauben, verschlissene Bauteile auszutauschen oder das Gebäude am Ende seiner Lebenszeit zu zerlegen.

Der Umwelt zuliebe hatte Corinna Menn sogar die grob in die Landschaft gebaute Uferterrasse auf dem Grundstück renaturieren wollen. Doch während Mehrkosten für das heimische Bauholz aus ökologischen Gründen gerne akzeptiert wurden, musste diese Idee verworfen werden: Den Menschen war die Plattform direkt am Wasser so wichtig, dass sie dem Projekt ohne nicht zugestimmt hätten. 

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Klapp- und schiebbare Fassadenelemente (© Corinna Menn Studio)
Performative Architektur

Der Restaurantneubau erfüllt den Traum so mancher Architektur-Avantgardisten: Das Haus lebt und verändert sich mit den Jahreszeiten – wie die alpine Landschaft ringsherum. An warmen Sommertagen wirkt es mit ausgefahrenen Markisen, geöffneten Glasschiebetüren und belebter Kiosk-Terrasse wie eine entfaltete Blüte. Im Winter dagegen, wenn es ruhig wird am See, kehrt es sich nach innen: Die Holzelemente der Terrasse werden hochgeklappt und verschließen den Kiosk. Der geschlossene, dunkle Baukörper scheint sich dann vor dem verschneiten Winterwald aufzulösen.

Aber auch die mit dem Ingenieur Konrad Merz entwickelte Konstruktion macht die Schönheit des Gebäudes aus. Gerade der Restaurantbesuch wird durch sie zum beglückenden Architekturerlebnis. Man staunt: Das mächtige Giebeldach ruht auf nur vier A-förmigen Holzelementen. Fliegende Stützen stabilisieren das 11 Meter hohe Faltwerk und halten die Dachflächen zusammen. Verblüffend schlanke Sparren machen das Konstrukt noch eindrucksvoller. Daneben ist der von traditioneller japanischer Holzarchitektur inspirierte Gastraum wunderbar zeichenhaft: Er verweist auf das schwimmende Badehaus aus der Anfangszeit des alpinen Sommertourismus.

Foto: © Ralph Feiner
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Foto: © Ralph Feiner
Architekturkultur statt Raubbau

Gletscherschmelze und Kunstschneebahnen auf ruinierten Bergwiesen haben den alpinen Tourismus in Verruf gebracht. Endlose Staus, verstopfte Städtchen und belagerte Bergseen tun ihr Übriges. Manchen umweltbewussten Architektinnen und Architekten aus dem Alpenraum bereitet das Bauen für die Tourismusbranche deswegen Bauchschmerzen. Doch Corinna Menn vertritt eine differenzierte Haltung und denkt nicht schwarz-weiß: Sie kennt die große Bedeutung des Tourismus als wirtschaftliches Standbein vieler Gemeinden und lehnt neue Infrastrukturen darum nicht ab. Gleichzeitig ist sie sich ihrer ökologischen Verantwortung als Architektin sehr bewusst. Mit ihrem Restaurant am Caumasee beweist sie, dass die Sicherung wirtschaftlicher Interessen nicht zur Zerstörung der Heimat führen muss, im Gegenteil.

Situation (© Corinna Menn Studio)
Grundriss Erdgeschoss (© Corinna Menn Studio)
Grundriss 1. Obergeschoss (© Corinna Menn Studio)
Grundriss 2. Obergeschoss (© Corinna Menn Studio)
Projektinformationen Restaurant Caumasee
 
Standort
Flims, Graubünden, Schweiz
 
Bauherrschaft
Gemeinde Flims
 
Architektur
Corinna Menn Studio, Chur und Zürich
Projektleitung: Susanne Sauter

Holzbauingenieur
Merz Kley Partner, Dornbirn

Landschaftsarchitektur
Müller Illien Landschaftsarchitekten, Zürich
 
Vergabe
Projektwettbewerb, 2019, 1. Preis

Vorgestelltes Projekt 

Philipp Architekten BDA // Anna Philipp

An Oasis in the City

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