Die unsichtbare Arbeit im Design
Die Schweizer Architektin und Designerin Eleonore Peduzzi Riva (*1936) blickt auf eine lange, aber fast vergessene Karriere zurück. Ab Ende der 1950er-Jahre ist sie über vier Jahrzehnte in Mailand als erfolgreiche Architektin, Designerin und strategische Beraterin – als »Consulente« – tätig. Aus Sicht der Designgeschichte ist sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort und kennt die richtigen Leute. Und doch wird sie in keiner Publikation zu Design oder Architektur erwähnt. Wieso?
Die junge Eleonore Peduzzi zieht nach ihrem Innenarchitekturstudium an der Basler Gewerbeschule Ende der 1950er-Jahre nach Mailand. Die Stadt ist damals das pulsierende Zentrum des industriellen Aufbruchs Italiens. Zu dieser Zeit bildet sich ein moderner Designstil heraus, der von neuen Materialien und Technologien inspiriert ist und bis heute als ein Höhepunkt des italienischen Designs bezeichnet wird. Mit ihrem Mann, dem Ingenieur Sandro Riva, gründet die Schweizerin das Studio Riva. Zusammen arbeiten sie an unterschiedlichen Projekten, die von Architektur über Innenarchitektur bis hin zu Möbeldesign reichen. Beide verfolgen auch eigene Projekte. Eine von Peduzzi Rivas ersten Arbeiten ist die Inneneinrichtung für das Büro des Schweizer Musikproduzenten Walter Gürtler und dessen Plattenlabel Mercury in Mailand. Dafür entwirft sie ein Büromöbelsystem, das von den beiden renommierten Firmen Bernini und Cassina hergestellt wird.
Ab Ende der 1960er-Jahre entwickelt sich Peduzzi Riva zu einer gefragten Consulente. Sie hilft Unternehmen, eine eigene gestalterische Sprache und ein klares Profil zu entwickeln – sie macht Waren zu Markenprodukten und Fabriken zu Designunternehmen. Mit dieser Tätigkeit ist sie eine Pionierin. Die drei langjährigen Mandate für den Laminathersteller Abet Laminati in Bra, die Glasmanufaktur Vistosi in Venedig und das Möbelhaus De Padova in Mailand zeigen, wie sich ihr beruflicher Schwerpunkt vom Objekt zur Strategie, vom Entwurf zur Vermittlung verschiebt – eine neue Form der gestalterischen Arbeit, die mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in den Nachkriegsjahren erst entsteht und die bis heute in der Geschichtsschreibung kaum rezipiert wird.
Für Abet Laminati begleitet sie das Unternehmen beim Wandel vom Materiallieferanten zur Marke. Sie kuratiert Wettbewerbe, organisiert Ausstellungen und bringt Designerinnen, Grafiker und Hersteller an einen Tisch. Damit hilft sie mit, das damals neue Material Laminat bei den italienischen Architektinnen und Gestaltern als Entwurfsmaterial und somit als sichtbaren Bestandteil moderner Innenräume und Möbel zu etabliert.
Für die Glashütte Vistosi vermittelt sie in den 1960er-Jahren den Kontakt zwischen der traditionellen Manufaktur und der avantgardistischen Designszene Mailands. So entsteht zum Beispiel die Zusammenarbeit mit Ettore Sottsass – ein Kapitel, das in vielen Büchern ohne ihre Nennung geblieben ist.
Am längsten arbeitet sie als Consulente für das Möbellabel De Padova. Nach dem Tod von Fernando De Padova 1967 steht das Mailänder Möbelunternehmen an einem Wendepunkt. Ursprünglich Lizenznehmerin der amerikanischen Herman-Miller-Kollektion, sucht Maddalena De Padova nach neuen Wegen, um ihr Geschäft unabhängig von den Amerikanern weiterzuführen, denn diese trauen ihr als Frau die Führung der Möbelfabrik nicht zu. In dieser entscheidenden Phase stößt Peduzzi Riva als Consulente dazu. Sie begleitet Maddalena De Padova beim Aufbau einer eigenen Kollektion, definiert mit ihr das neue Profil des Unternehmens und koordiniert die Zusammenarbeit mit Designerinnen, Grafikern und Fotografinnen. Mit ihrer Tätigkeit prägt sie über drei Jahrzehnte die Identität und die Außenwahrnehmung des Möbellabels.
Der italienische Soziologe und Philosoph Maurizio Lazzarato beschreibt diese unsichtbare Arbeit in seinem 1996 erschienen Essay Immaterial Labor. Er stellt fest, dass moderne Arbeit weniger materielle Güter als soziale Beziehungen, Kommunikation und Wissen produziere. Peduzzi Riva war eine frühe Vertreterin dieser immateriellen Arbeit.
In der Geschichtsschreibung im Bereich Architektur und Design gibt es zwei Arten der Auseinandersetzung: die Rezeption der Architektur und des Designs als Objekt oder die Rezeption des Architekten oder des Designers als genialen Autor – seltener auch als geniale Autorin. Bei beiden Betrachtungsweisen steht die Transformation der Idee in eine Form im Fokus. Dabei werden der Kontext des Entwurfs, die weiteren am Prozess beteiligten Personen, die Ausführung und viele zusätzliche Aspekte oft ausgelassen oder nur am Rande besprochen. Die Diskussion ist eine eng geführte ästhetische Auseinandersetzung. Diese Betrachtung des stilistischen Werks und des Meisters als Genie stützt sich auf die Rezeption in der Kunstgeschichte, sie lässt aber die spezifischen Planungs- und Produktionsbedingungen der Architektur oder des Designs außer Acht. Leistungen, bei denen die Autorenschaft nicht zuzuordnen ist, finden wenig Interesse. Der griechische Architekt und Autor Demetri Porphyrios beschreibt den gängigen Architekturdiskurs deshalb in seinem 1985 erschienen Essay On Critical History als »fictive reality«.
In der Forschung wird zitiert. Wo es keinen zu zitierenden Essay oder Katalog gibt, können Forschende auch nicht zitieren. Dann entfällt die Forschung und ohne diese findet keine Aufnahme in die Designgeschichte statt. Peduzzi Rivas fehlende Anerkennung in der Designgeschichte steht stellvertretend für viele Gestalterinnen und Gestalter, deren Wirken sich nicht über Produkte, sondern über Prozesse definiert und deshalb nicht rezipiert wird.
Im Jahr 2023 ehrt die Eidgenössische Designkommission Peduzzi Riva. Erst durch die Preisvergabe erreichen sie und ihr Werk eine größere Öffentlichkeit. Am Beispiel von Peduzzi Riva wird deutlich, wie wichtig die Arbeit der Kommission und ihre Preisvergabe ist. Nach diversen Presse- und Radiobeiträgen folgt eine Ausstellung an Peduzzi Rivas heutigem Wohnort im Kunst Raum Riehen. Mit finanzieller Unterstützung des Bundesamtes für Kultur kauft die Designsammlung Zürich den Sessel Senzafine an. Das erst 2020 gegründete Archiv Innenarchitektur Schweiz (ai-s), das sich als erste und einzige Sammlungsinstitution dem Bereich Innenarchitektur widmet, übernimmt einen Teil von Peduzzi Rivas Unterlagen. Am Freitag, dem 31. Oktober 2025, schließlich ehrt die Vereinigung Schweizer Innenarchitekten und Innenarchitektinnen VSI.ASAI Peduzzi Riva mit 89 Jahren als Ehrenpersönlichkeit des Jahres. Damit ihre Wiederentdeckung aber nicht im Sande verläuft, ist ein Buch über ihr Werk notwendig. Ohne ein solches droht die Arbeit wieder dem Designgedächtnis zu entfallen.
Dieser Artikel gibt einen Einblick in die Forschungsarbeit »Die ›Consulente‹ – Eleonore Peduzzi Riva und die unsichtbare Arbeit im Design« der Journalistin und Autorin Ariana Pradal, die 2025 als MAS-Thesis im Rahmen des MAS-Programms in Geschichte und Theorie der Architektur an der ETH Zürich entstanden ist.




