Das Zürcher Koch-Quartier nimmt Form an

Katinka Corts | 14. November 2025
Im Sommer 2022 war das Koch-Areal noch besetzt. Auf dem Bild ist das langgestreckte Dach der ehemaligen Kohlenlagerhalle in seiner ursprünglichen Form zu sehen. (Foto: © Matthias Bader)

Das ehemalige Koch-Industriegelände, das von 2013 an von zwei Besetzergruppen für mehr als zehn Jahre genutzt und kulturell bespielt wurde, wird zum neuen Stadtquartier umgeplant und -gebaut. 2018 hatte die Bevölkerung für das Projekt gestimmt. Es umfasst neben dem Bau von 360 preisgünstigen Wohnungen durch die Genossenschaften ABZ und Kraftwerk1 auch ein Gewerbehaus des St.Galler Familienunternehmens SENN. Zusätzlich vorgesehen ist ein 12'000 Quadratmeter großer Quartierpark, den die Menschen 2022 in einer weiteren Abstimmung guthießen. 

Ein Hochhaus, ein Wohn- und Gewerbebau, das erwähnte Gewerbegebäude und der besagte Park sind die vier Kernpunkte der Umgestaltung. Über alle vier dafür ausgelobten und parallel durchgeführten Wettbewerbe entschied dasselbe Preisgericht, bestehend aus den Bauträgern, Experten, einem Quartiervertreter sowie Fachleuten von Grün Stadt Zürich. Ende 2021 bewilligte der Zürcher Gemeinderat den Gestaltungsplan, woraufhin ab 2023 gebaut werden konnte.

Die Erdgeschosse werden durch publikumsorientierte Angebote belebt – von der Bäckerei bis zur Werkstatt. (© Koch-Quartier)
Wohnen und Gewerbe im Einklang

Die Genossenschaften ABZ und Kraftwerk1 bauen Wohnraum für etwa 900 Menschen. Das Hochhaus an der Flurstrasse und den daran angrenzenden Wohnriegel (ABZ) entwarfen Enzmann Fischer Architekten, die bereits 2021 mit dem Zollhaus ein wichtiges Genossenschaftsprojekt in Zürich gestaltet haben (Genossenschaft Kalkbreite). Studio Trachsler Hoffmann sind für den Wohn- und Gewerbebau auf dem Baufeld an der östlichen Flüelastrasse von Kraftwerk1 zuständig. 

Stirnseitig dem gegenüber befindet sich in der Verlängerung des ABZ-Riegels das Gewerbehaus MACH von SENN. 10'000 Quadratmeter Fläche werden dort in den fünf überhohen Geschossen realisiert – noch ausbaubar auf 15'000 Quadratmeter. 

Alle Gebäude befinden sich aktuell im Bau, ihr Bezug ist ab kommendem Jahr geplant. Vier Großbauten auf einem Areal – normalerweise hieße dies, dass Passanten lediglich einen Bauzaun sehen und das Innere des Areals nicht erreichen. Doch im Koch-Quartier beschritten die Bauherrschaften einen anderen Weg und setzten die erste Etappe der Grünflächen- und Außenraumgestaltung an den Anfang der Transformation.

Mehr als 20'000 neue Glasziegel bringen Licht in die vormals dunkle Kohlenlagerhalle. (Foto: © Amt für Städtebau Zürich, Juliet Haller)
Das in Etappen zwischen 1926 und 1957 erstellte Bauwerk wurde statisch ertüchtigt. (Foto: © Krebs und Herde Landschaftsarchitekten)
Ein Baudenkmal wird zum nutzbaren Freiraum

So wurde mit der Sanierung und Umnutzung der 118 Meter langen und 23 Meter breiten ehemaligen Kohlenlagerhalle bereits die Mitte des Areals gestaltet. Schon im Sommer wurde zudem der Großteil des Parks der Bevölkerung übergeben. Das Büro Krebs und Herde, das kürzlich erst den Ueberlandpark in Zürich Schwamendingen fertigstellte, ist für die Außenraumplanung verantwortlich. 

Die vom Denkmalschutz als schützenswert inventarisierte Halle, in der früher die Koch Wärme AG Kohle und Heizöl lagerte, ist dank der Eingriffe von Park Architekten und Tragwerksplaner Neven Kostic heute kein dunkler Ort mehr und sorgt für Leben in der Quartiersmitte. Die Planenden tauschten mehrere Bereiche der Dacheindeckung durch Glasziegel-Kreise aus, legten die darunter liegende Halle frei, ertüchtigten sie statisch und ersetzten den baufälligen Nordteil. Während zur Rautistrasse hin eine massive Giebelwand aus Beton den historischen Holzbau abschottet, bildet eine Art dreieckiges Portal am gegenüberliegenden Ende der alten Halle einen Übergang zur neuen Zeit. 

Dahinter setzten Park Architekten und Neven Kostic ein stützenfreies Raumtragwerk aus Schwarzstahl, das einen frei bespielbaren Raum schafft. Die dünne Metallkonstruktion und die dazwischenliegenden roten Zugstangen treten im Gesamtbild optisch hinter dem weit spannenden Dach zurück und hinterlassen den Eindruck einer fliegenden Überdeckung. Als zentraler räumlicher Anker im Park ist der überdachte Frei- und Veranstaltungsraum ein Erlebnis und wird lange vor der Fertigstellung der benachbarten Wohnbebauung seit diesem Sommer rege von der Bevölkerung genutzt. 

Der Ersatzneubau des Nordteils der Halle überdeckt einen großen, stützenfreien Raum, der für Veranstaltungen genutzt werden kann. (Foto: © Krebs und Herde Landschaftsarchitekten)
Der Park als Bindeglied

Dass es nutzbaren Grün- und Freiraum inmitten einer noch nicht fertiggestellten Überbauung gibt, ist ungewöhnlich. Der Park nimmt jedoch eine integrale Rolle für das gesamte Koch-Quartier ein: In der an die Wettbewerbsentscheidungen anschließenden Dialogphase wurden der Parkentwurf und die siegreichen Architekturprojekte aufeinander abgestimmt. So entstanden die zusammenhängende Wegführung und die Bepflanzung, die das Areal zu einem Ganzen verweben. 

Die frühe und umfassende Planung des Grünsystems war auch aufgrund spezifischer funktionaler und ökologischer Anforderungen notwendig, denn im Koch-Park wird der komplexe Regenwasserkreislauf erlebbar gemacht. Schwierige Bodenverhältnisse mit oberflächennahem Grundwasser und schlecht sickerfähigen Schichten bedurften intelligenter Lösungen, wie mit anfallendem Regenwasser umgegangen werden sollte. Krebs und Herde planten mächtige Sickertöpfe, die unterhalb der Traufkanten der großen Freihalle aus Abbruchmaterial vom Areal aufgemauert wurden. Das auf den Dachflächen anfallende Wasser fließt über die Ziegel und durch Speier in diese Elemente. Ein Teil verdunstet direkt, die Sickertöpfe leiten das Wasser aber auch über die Zeit bis hinunter zum Grundwasser. Das Regenwasser bleibt, dem Schwammstadtprinzip folgend, vollständig vor Ort und wird nicht über die Kanalisation abgeleitet.

Das naturnahe Pionierwäldchen und Wildblumensäume fördern die Biodiversität. (Foto: © Amt für Städtebau Zürich, Juliet Haller)
Transformation zum grünen Wohnquartier

Wege und Pfade sind, wo immer möglich, mit unversiegeltem Kies oder aus lokal beim Abriss gewonnenem Betonbruch gestaltet. Teilweise werden sie von den alten Industriegleisen gefasst, die sich bogenförmig durch das Gelände ziehen. Der Park wirkt wild und zufällig, obwohl die einzelnen Bereiche, Aufenthaltsräume und Pflanzen präzise gesetzt sind. Ein Wasserbecken mit Trinkbrunnen und angrenzender Sitzbank begrenzt jenen Teil des Parks, der sich eher als dichtes Grün zeigt. 

Auf der anderen Seite und vor der benachbarte Bebauung ist eine große Wiese angelegt. Unterhalb des Hochhauses und vor den Wohnbauten zeigt sich bereits erstes Grün, das dereinst zu Picknick und Spiel einladen wird. Damit kann die Wiese das Angebot an Spiel-, Erlebnis- und Freizeitflächen, die im Außenbereich heute schon zu sehen sind, künftig ergänzen.

Vor bald zwei Jahrzehnten hat die Wohnüberbauung James gezeigt, wie Transformation gelingen kann. Das früher besetzte und dadurch schon zu Zeiten der Brache bunte Koch-Areal erzählt die Geschichte Albisriedens nun weiter. Das breite Wohnangebot macht es zum Ort für alle Generationen, der offene Umgang mit den heute schon zugänglichen Freianlagen ist womöglich ein Weg, hier auch in Zukunft einer vielfältigen Soziokultur Raum zu geben.

 

Am Bau Beteiligte

Wohn- und Gewerbebau
Bauherrschaft: ABZ
Architektur: Enzmann Fischer und Partner
Landschaftsarchitektur: Skala Landschaft Stadt Raum
Bauingenieur: Schnetzer Puskas Ingenieure

Gewerbebau MACH
Bauherrschaft: SENN
Architektur: ARGE Käferstein Meister und Ekinci Architekten
Landschaftsarchitektur: KOLB Landschaftsarchitektur
Bauingenieur: Dr. Lüchinger + Meyer Bauingenieure

Wohn- und Gewerbebau
Bauherrschaft: Kraftwerk1 
Architektur: Studio Trachsler Hoffmann
Landschaftsarchitektur: Atelier Loidl Landschaftsarchitekten
Bauingenieur: Schnetzer Puskas Ingenieure

Quartierpark mit Kohlenlagerhalle von GSZ
Bauherrschaft: Grün Stadt Zürich
Landschaftsarchitektur und Generalplaner: Krebs und Herde
Architektur: Park Architekten 
Bauingenieur: Dr. Neven Kostic

Vorgestelltes Projekt 

Philipp Architekten BDA // Anna Philipp

An Oasis in the City

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