Sanierung und Umbau der Primarschule Gellert in Basel

Zwischen Heimatstil und Nachkriegsmoderne

MET Architects | 5. Dezember 2025
Blick über den zentralen Pausenplatz auf den Klassentrakt; im Hintergrund sind Pausenhalle und Aula zu erkennen. (Foto: © Piotr Hraptovich)
Herr Thalhofer, worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Unmittelbar vor der Schulanlage Gellert sanierten wir mit dem Wirtschaftsgymnasium aus dem Jahr 1941 ein weiteres Werk des Basler Kantonsbaumeisters Julius Maurizio. Es ist selten, dass man als Architekturbüro zwei Projekte desselben Architekten bearbeiten darf. Etwas ganz Besonderes aber ist, wenn es sich dabei um zwei historische Basler Schulhäuser handelt, die im Abstand von etwas mehr als zehn Jahren erbaut wurden und die Architekturgeschichte prägten. An den Bauten zeigen sich sowohl die Materialknappheit der Kriegsjahre als auch die Aufbruchstimmung der 1950er.

Wir haben an der Schulanlage Gellert viele Eigenheiten und Details von Maurizio wiedererkannt, stellten aber auch fest, dass er sich als Architekt seit dem Bau des Wirtschaftsgymnasiums nicht merklich weiterentwickelt hat. Besonders in der Innenraumgestaltung blieb er im Heimatstil verhaftet. Nur zaghaft öffnete er sich für die Nachkriegsarchitektur. Gerade diese Neuerungen wie eine bessere Belüftung und Belichtung, eine differenzierte Farbigkeit, strukturierte Oberflächen und eine klare Lesbarkeit der Bauteile haben uns besonders interessiert. Beim Weiterbauen griffen wir sie auf und führten sie in unserem Entwurf fort. Gleichzeitig behielten wir die Heimatstil-Elemente bei und verfeinerten sie.

Die Auseinandersetzung mit Maurizio bot uns die Gelegenheit, auch unsere eigene Entwicklung zu reflektieren. Als Maurizio 1950 auf der grünen Wiese das gewünschte Programm umsetzte, tat er dies nach seinem besten Wissen über solide Konstruktionen und langlebige Materialien. Im Vergleich dazu war unser Auftrag ungleich komplexer: Einerseits sanierten wir die Schulgebäude und passten sie an heutige Normen und Gesetze sowie veränderte Nutzungsanforderungen an. Andererseits verstanden wir unsere Rolle sowohl darin, das Bestehende zu stärken, als auch, Anknüpfungspunkte für zukünftige Sanierungszyklen zu bieten – Kreislaufwirtschaft im Sinne einer Weiterführung von architektonischen Ideen. 

Der historische Turnhallentrakt mit vorgelagerten Nebenräumen (Foto: © Piotr Hraptovich)
Die Oberflächen der Turnhalle wurden erneuert. Nischen bieten Platz, um Sportgeräte zu verstauen. (Foto: © Piotr Hraptovich)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?


Die Anlage wurde als zeittypische Pavillonschule entworfen. Bei diesem Typ war die Verbindung von Innen- zu Außenraum zentral. Die Bauten bildeten zusammen mit der Umgebung eine konzeptuelle Einheit. Über die Jahrzehnte wurde der Außenraum jedoch genau wie die Gebäude mit neuen Schichten belegt und mit verschiedensten Anpassungen verunklärt. Es war also eine große Chance, dass der Kanton Basel-Stadt bereit war, die Umgebung zeitgleich mit der Sanierung zu erneuern und diese Verbindung wiederherzustellen. 

Wie in den Gebäuden wurden neue Elemente behutsam integriert, um eine zeitgemäße Nutzung zu ermöglichen. Zudem ist ein großer Teil des Schulareals neu öffentlich zugänglich, wodurch der Bezug zum Quartier gestärkt wird. Die Schulanlage mit Abenteuerspielplatz, Wiesenflächen und schattigen Sitzplätzen wird jetzt von der örtlichen Bevölkerung wie eine Parkanlage genutzt. Besonders bei Aufträgen der öffentlichen Hand scheint es uns wichtig, dass mit den eingesetzten finanziellen Mitteln solche Mehrwerte geschaffen werden können.

Der Eingangsbereich der Turnhallen, einst als getrennte Lehrpersonengarderoben genutzt, wurde neu gestaltet. (Foto: © Piotr Hraptovich)
Im historischen Treppenhaus wurden die Oberflächen restauriert und neue Leuchten montiert. (Foto: © Piotr Hraptovich)
Wie kamen Sie zu dem Auftrag?


Wir konnten 2019 einen offenen Wettbewerb gewinnen. Dabei wurde – zusätzlich zu Referenzen und der Honorarofferte – eine relevante Fragestellung für die Bauaufgabe herausgegriffen, anhand derer die Strategie für den Umgang mit der gesamten Anlage erklärt werden sollte. Die Aufgabe bestand darin, die drei Kindergärten um jeweils einen Gruppenraum zu erweitern. Wir schlugen die Integration innerhalb der bestehenden Gebäudegeometrie vor, indem der ehemalige Garderobenraum zum Gruppenraum gestaltet und der gedeckte Vorplatz zur neuen Garderobe umgenutzt wurde. Mit wenigen, aber gezielten Eingriffen konnte das geforderte Raumprogramm erfüllt und der architektonische Ausdruck der Kindergärten weitergeführt werden.

Korridorerweiterung für Pausen und SchülerInnenarbeit; auch in diesem Bereich wurden die Leuchten erneuert. Die historischen Kunst-am-Bau-Arbeiten wurden sorgfältig restauriert. (Foto: © Piotr Hraptovich)
Die Klassenzimmer wurden atmosphärisch aufgewertet. Die Leuchte »Gellert« wurde speziell für das Projekt entwickelt. (Foto: © Piotr Hraptovich)
Aufenthaltsraum für die Tagesbetreuung (Foto: © Piotr Hraptovich)
Welche besonderen Anforderungen wurden gestellt und wie trugen Sie diesen Rechnung?


Die Liste der Anforderungen bei einem Projekt dieser Größenordnung, dessen Auftraggeber die öffentliche Hand ist und bei dem teils inventarisierte Gebäude umgestaltet werden sollen, nimmt stetig zu. Bisweilen drohen die Vorgaben die Architektur in den Hintergrund zu drängen. Normen und Gesetzen sind zudem für den Neubau ausgelegt. Beim Bauen im Bestand stehen sie oft in direktem Widerspruch zu Nachhaltigkeitszielen oder Vorgaben der Denkmalpflege.

Unsere Rolle als Architektinnen und Architekten verstehen wir so, dass wir unsere Erfahrung und Expertise nutzen und überprüfen, welche Anforderungen erfüllt werden können – und welche nicht. Um wirtschaftlich und umweltfreundlich umzubauen, muss das Programm dem Gebäude angepasst werden, nicht umgekehrt. Bei Themen wie der Raumakustik, dem Brandschutz und der Energieeffizienz müssen außerdem die Realitäten des Bestands stärker berücksichtigt werden. Noch fehlt dazu aber die rechtliche Grundlage, deshalb ist es höchste Zeit für eine Anpassung der Gesetze und Normen im Sinne einer Umbauordnung. Wir müssen aber auch über die hohen Anforderungen diskutieren, die Nutzerinnen und Nutzer heute an Gebäude stellen.

Das Dachgeschoss wurde als Spielestrich für die Tagesbetreuung ausgebaut. (Foto: © Piotr Hraptovich)
Inwiefern haben die Bauherrschaft oder die späteren Nutzenden den Entwurf beeinflusst?


Für den Kanton Basel-Stadt steht das Bewahren und Weiterentwickeln des baukulturellen Erbes an erster Stelle. Entsprechend wurden wir von Anfang an in unserem Anliegen unterstützt, Nachhaltigkeit nicht als rein technische Disziplin mit Aspekten wie energetischer Sanierung, Wiederverwendung und Kreislaufwirtschaft zu verstehen, sondern auch als kulturellen Auftrag. Gerade im Umgang mit historisch wertvollem Baubestand gilt es, Nachhaltigkeit weiterzudenken: Geschichten zu erzählen, Atmosphären zu schaffen, Lernen zu unterstützen und einen Beitrag für ein »besseres« Zusammenleben zu leisten. Der Kanton kann als Vertreter der Öffentlichkeit hier eine Vorreiterrolle einnehmen und neben messbaren Kriterien auch diese weicheren, qualitativen Aspekte fördern.

Hauptraum des Kindergartens (Foto: © Piotr Hraptovich)
Der Kindergarten besitzt eine spezielle Nische, um Gegenstände zu verstauen. Wo immer möglich, wurden bestehende Einbaumöbel erhalten, aufgefrischt und weiterverwendet. (Foto: © Piotr Hraptovich)
Inwiefern beschäftigten Sie sich im Büro mit der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit?


Wer würde diese Frage heute noch ernsthaft mit einem Nein beantworten? Soziale Nachhaltigkeit und zirkuläres Bauen sind altbekannte Themen des Bauens im Bestand. Unser Büro beschäftigt sich seit seiner Gründung 2009 mit den Werten des Weiterbauens auf allen Ebenen eines Projekts. Dabei nehmen wir eine positive Veränderung in der Haltung unserer Bauherrschaften und Auftraggebenden wahr: Früher war es mitunter aus wirtschaftlichen Überlegungen und dem Wunsch nach dem offensichtlich »Neuen« erheblich schwieriger zu vermitteln, welche Qualitäten zum Beispiel in der Wiederverwendung ausgebauter Materialien liegen können oder wie sich eine neue Nutzung unter Berücksichtigung der räumlichen Angebote des Bestands integrieren lässt. Heute profitieren wir in unserer Arbeit nicht nur von den aktuellen Tendenzen der Nachhaltigkeit, die sich hoffentlich vom Zeitgeistigen zum Alltäglichen entwickeln werden, sondern vor allem von der Fähigkeit, das »Alte« identitätsstiftend und atmosphärisch in das »Neue« zu verwandeln.

Situation; Turnhalle, Aula sowie Klassen- und Tagesbetreuungstrakt sind durch eine überdachte Pausenhalle miteinander verbunden. (© MET Architects)
Grundriss Erdgeschoss (© MET Architects)
Grundriss 1. Obergeschoss (© MET Architects)
Ansicht Turnhalle und Schnitt Klassentrakt (© MET Architects)
Sanierung und Umbau der Primarschule Gellert
2024
Emanuel-Büchel-Strasse 15
4052 Basel, Kanton Basel-Stadt, Schweiz

Nutzung
Primarschule

Vergabe
Wettbewerb im offenen Verfahren

Bauherrschaft
Bau- und Verkehrsdepartement des Kanton Basel-Stadt, Abteilung Städtebau und Architektur, Hochbau

Architektur
Generalplanung: MET Architects GmbH SIA BSA, Basel in Arbeitsgemeinschaft mit Proplaning AG, Basel

Architektur: MET Architects GmbH SIA BSA
Projektleitung: Inga Federe, Andrea Perletti und Joyce Hürzeler 

Fachplaner
Baumanagement: Proplaning AG, Basel
Landschaftsarchitektur: August + Margrith Künzel Landschaftsarchitekten AG, Binningen
Bauingenieur: wh-p Ingenieure AG, Basel
Elektroplanung: Eplan AG Elektroengineering, Reinach
Technische Gebäudeplanung: Herrmann + Partner Energietechnik GmbH, Basel
Sanitärplanung: Bogenschütz AG, Basel
Bauphysik: Gruner AG, Basel

Bauleitung
Proplaning AG, Basel
Projektteam: Ruedi Hediger, Felix Lay, David Theil und Vice Kegalj

Bruttogeschossfläche
15'822 m²

Gebäudevolumen
55'072 m³

Gebäudekosten BKP 2
CHF 26'600'000

Gesamtkosten
CHF 34'600'000

Auszeichnung
best architects 2026 gold
Anerkennung beim Preis »Bestand und Perspektive 2024« der db deutsche bauzeitung

Fotos
Piotr Hraptovich

Vorgestelltes Projekt 

GYGA AG

HIDE

Verwandte Artikel