Amt für Verbraucherschutz des Kantons Aargau in Unterentfelden

Gestaltungsfreude und Erfindergeist

Markus Schietsch Architekt:innen | 13. März 2026
Herr Schietsch, Herr Goñi, worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Markus Schietsch: Es galt, die hohen technischen Anforderungen an die Labore zu erfüllen und gleichzeitig den Nachhaltigkeitskriterien des Kantons Aargau gerecht zu werden. Das war eine außergewöhnliche Herausforderung, denn Holzkonstruktionen sind grundsätzlich anfälliger für Schwingungen, auf die wiederum Messlabore äußerst sensibel reagieren. Lösen konnten wir dieses Problem durch einen zentralen Betonkern, der die hochsensiblen Messeinheiten aufnimmt, und eine ringförmige Holzkonstruktion, die sich um diesen legt. 

Borja Goñi: Der Bau vereint ökologische, konstruktive und betriebliche Anforderungen auf beispielhafte Weise. Er gehört zu den ersten Laborgebäuden, die in einer hybriden Holz-Beton-Konstruktion realisiert wurden. Rund 2600 Kubikmeter Holz aus dem Aargauer Staatswald haben wir verbaut, und etwa 80 Prozent der Betonbauteile bestehen aus Recyclingbeton.

Eingang Nordwest; ein rötlicher Farbauftrag fasst die Außenbauteile zusammen und schützt das Holz vor der Witterung. Aus der Ferne wirkt das Gebäude einheitlich, doch je näher man kommt, desto bunter und differenzierter zeigt sich der Farbaufbau. (Foto: © Federico Farinatti)
Welche Inspiration liegt diesem Projekt zugrunde?


Borja Goñi: Die bisher seltene Kombination von Holzbau und Laborfunktion inspirierte uns, den Typus des Laborgebäudes neu zu denken. Wir wollten ein Labor schaffen, das Offenheit und Austausch fördert – einen Pavillon im Park, der Wissenschaft, Natur und Gemeinschaft verbindet. Deswegen entschieden wir uns für eine differenzierte Farbgebung und arbeiteten mit der Farbgestalterin Kathrin Oechslin zusammen. Von weitem erscheint das Gebäude als »rote Wolke«. Tritt man jedoch näher, fächert sich das Rot in unterschiedliche Rot-, Orange- und Lilatöne auf. Im Erdgeschoss strahlt der hellgelbe Kautschukboden Wärme und Lebendigkeit aus. In den Laboren des Obergeschosses prägt ein nüchternes, helles Lila die Innenräume. 

Markus Schietsch: Die sichtbare Holzkonstruktion, offenen Installationen und Glaswände vermitteln Transparenz und geben Orientierung. Im Erdgeschoss dient ein zentrales Forum als Ort des formellen und informellen Austauschs – flexibel nutzbar für Vorträge oder als erweitertes Sitzungszimmer für Besprechungen. Wie bei anderen Projekten unseres Büros war auch hier die präzise Ausformulierung der Materialverbindungen ganz wesentlich für den Entwurf. Sogar die Möbelstücke, die die Räume mitprägen, gestalteten wir selbst.

Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?


Markus Schietsch: Der zweigeschossige Pavillon bildet den Auftakt zu einem neuen Campus in Unterentfelden. Mit seiner niedrigen Silhouette fügt er sich selbstverständlich in das kleinmaßstäbliche Quartier ein. Umgeben von bestehenden Bäumen und neuen Pflanzungen entsteht ein durchgrünter Außenraum, der die Solitärbauten des künftigen Campus verbindet. Ein umlaufender Laubengang vermittelt zwischen innen und außen. Er bietet Schatten und Aufenthaltsqualität und dient zugleich als Fluchtweg.

Die Konstruktionen aus Holz und Beton greifen ineinander und verbinden sich zu einem skulpturalen Ganzen. Das Bild zeigt den Aufgang vom Forum ins Obergeschoss. (Foto: © Federico Farinatti)
Blick aus dem Forum zu den Büros im Erdgeschoss mit der Kunst-am-Bau-Arbeit »Das unsichtbare Sehen« (2024) von Vanessa Billy (Foto: © Federico Farinatti)
Das Forum befindet sich unter dem Betonkern mit den Messlaboren. Hier treffen sich die Mitarbeitenden zum informellen Austausch, für Besprechungen oder zu Veranstaltungen. (Foto: © Federico Farinatti)
Welche besonderen Anforderungen wurden gestellt und wie trugen Sie diesen Rechnung?


Borja Goñi: Der Kanton forderte einen Bau mit Minergie-P-Eco-Zertifizierung und die konsequente Verwendung von Holz aus der Region. Außerdem sollten flexible Raumstrukturen entworfen werden. Für die Zukunft musste das Gebäude ferner so konstruiert sein, dass es aufgestockt werden kann. Natürlich war auch eine nachhaltige Energieversorgung einzuplanen. Das Energiekonzept kombiniert nun Photovoltaik, eine Grundwasserwärmepumpe sowie eine Salzspeicheranlage; überschüssige Energie wird gespeichert und wiederverwendet. Durch die Reduktion von grauer Energie, den Einsatz von Recyclingbeton und die Förderung der Biodiversität in der Umgebung erfüllt der Bau die kantonale Immobilienstrategie 2021–2029.

Inwiefern haben die Bauherrschaft oder die späteren Nutzenden den Entwurf beeinflusst?


Markus Schietsch: Das Projekt entstand in enger konstruktiver Zusammenarbeit mit dem Kanton Aargau, der Abteilung Immobilien Aargau, den künftigen Nutzenden des AVS und dem Planungsteam. Das Projekt wurde in einem kontinuierlichen Prozess über alle Planungs- und Bauphasen hinweg unter Einbezug aller Beteiligten entwickelt. Gemeinsam erarbeiteten wir optimale Lösungen. Die offenen Dialogstrukturen während der Planung und des Baus waren entscheidend für die Qualität des fertigen Gebäudes.

Alle Arbeitsbereiche sind offen gestaltet und haben einen starken Bezug zum Außenraum. (Foto: © Federico Farinatti)
Welche digitalen Instrumente haben Sie bei der Planung eingesetzt?


Borja Goñi: Das gesamte Projekt planten wir mit BIM und führten es bis in die Ausführung über BIM2Field weiter. Komplexe Zusammenhänge ließen sich so einfach visualisieren. Fachmodelle konnten mit Augmented Reality direkt auf der Baustelle überprüft werden. Dadurch wurden Planungs- und Bauprozesse klar strukturiert, und wir konnten gerade fehleranfällige Schritte erheblich sicherer gestalten.

Die für Passanten offenen Laubengänge und die biodiverse Umgebung schaffen einen Mehrwert für das umliegende Quartier. Es entsteht eine neue Öffentlichkeit in der Nachbarschaft, die über eine einfache Nutzung als Verwaltungs- und Laborgebäude hinausgeht. (Foto: © Federico Farinatti)
Inwiefern beschäftigten Sie sich im Büro mit der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit?


Markus Schietsch: Konzepte und konkrete Beiträge zur ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit sind für uns eine Selbstverständlichkeit und Teil jedes Projekts. Zurzeit beschäftigen wir uns mit der Senkung von Treibhausgasemissionen und neuen Materialzyklen. Aktuell entwickeln wir ein Projekt, bei dem die Treibhausgasemission unter 5.5 kg CO2/m²a liegen muss. Auch die soziale Dimension gehört dazu: Die Architektur soll dem Menschen zugewandt sein. Räume sollen Austausch fördern und Gemeinschaft ermöglichen. So sind zum Beispiel beim AVS-Neubau das Forum, die Laubengänge und die biodiverse Umgebung ein Angebot an die Menschen im benachbarten Wohnquartier und die Nutzenden der angrenzenden Bauschule. Es entsteht eine neue Öffentlichkeit in der Nachbarschaft, die weit über eine einfache Nutzung als Verwaltungs- und Laborbau hinausgeht.

Situation (© Markus Schietsch Architekt:innen)
Grundriss Erdgeschoss mit Bürobereichen und Forum (© Markus Schietsch Architekt:innen)
Obergeschoss mit Laborbereichen und mittig angeordneten Messlaboren (© Markus Schietsch Architekt:innen)
AVS Amt für Verbraucherschutz Kanton Aargau
2024
Mönchmattweg 6
5035 Unterentfelden, Kanton Aargau, Schweiz

Nutzung
Labore und Büroräume

Vergabe
Wettbewerb, 1. Preis

Bauherrschaft
Kanton Aargau: Departement Finanzen und Ressourcen, Abteilung Immobilien Aargau

Architektur
Markus Schietsch Architekt:innen GmbH Dipl. Architekten ETH BSA SIA, Zürich
Borja Goñi, Patrizia Paul, Diego Vincenz, Markus Schietsch, Christian Sünnen und Sissy Hobiger

Fachplaner
Generalplanung: Markus Schietsch Architekt:innen GmbH, Zürich und Büro für Bauökonomie AG, Luzern
BIM-Gesamtkoordination: Büro für Bauökonomie AG, Luzern
Tragstruktur Holzbau: Pirmin Jung Schweiz AG, Sursee
Tragstruktur Massivbau: Dr. Lüchinger + Meyer Bauingenieure AG, Zürich
Landschaftsarchitektur: Lorenz Eugster Landschaftsarchitektur GmbH, Zürich
Fassadenplanung: Emmer Pfenniger Partner AG, Münchenstein
Laborplanung: Dr. Heinekamp Labor- und Institutsplanung GmbH, Basel
Heizung, Lüftung, Klima, Kühlung und Sanitär: Aicher, De Martin, Zweng AG, Luzern
Elektroplanung: Schmidiger+Rosacco AG, Zürich
Gebäudeautomation: Inlo AG, Horw
Bauphysik: RSP Bauphysik AG, Luzern
Farbberatung: Atelier für Farbe und Architektur, Katrin Oechslin, Zürich

Baumanagement und Bauleitung
Büro für Bauökonomie AG, Luzern

Kunst am Bau
Vanessa Billy, Zürich: »Das unsichtbare Sehen«, 2024

Ausführende Firmen
Baugrubenaushub: Birchmeider Bau AG, Döttingen
Baumeisterarbeiten: Max Fischer AG Hochbau-Tiefbau-Holzbau
Montagebau in Holz: Husner AG Holzbau, Frick
Elektroanlagen: Elektro-Bau AG, Lenzburg
Heizungs- und Kälteanlagen: Bouygues E&S InTec Schweiz AG, Mägenwil
Lüftungsanlagen: Climagel SA, Delemont
Gebäudeautomation: Equans Services AG, Kriens
Sanitäranlagen: Boschetti AG, Aarau
Bedachungsarbeiten: Schäfer Stammbach Partner AG, Zofingen
Metallbauarbeiten: Hunkeler+Hediger Metallbau AG, Schöftland
Estriche und Hartbetonböden: Walo Bertschinger AG, Dietikon
Laboreinrichtungen: Wesemann Schweiz AG, Basel
Innentextilien: 4Spaces GmbH I ZigZagZurich, Zürich
Malerarbeiten: Bosshard Farben AG, Rümlang und Mazzei AG, Gränichen
Schreinerarbeiten: M. CORAY Schreinerei AG, Däniken
Holzdecken und Schreinerarbeiten: bbf weber ag, Fehraltorf
Innentüren und Schreinerarbeiten: HEIM AG, Waltenschwil
Innenmöbel: Girsberger AG, Thunstetten und LAUTISSIMI – O&S Interior GmbH/Fredy Bieri AG, Schötz
Bodenbelag: INEVO AG, Suhr
Mobile Trennwände: Rosconi Systems AG, Villmergen
Bedachungsarbeiten: Schäfer Stammbach Partner AG, Luzern
Glastrennwände: Schwab AG, Bern
Signaletik: HEIZ Schriften AG, Aarau
Unterlagsböden: Walo Bertschinger AG, Lenzburg

Hersteller
Glas Trösch: Verglasung
Gerber-Vogt AG: Fensterrahmen
Heim AG: Innentüren
Beschläge U.S.W. AG: Beschläge
Kästli & Co. AG: Sonnenschutz
B/a/S/y/s – Bartels Systembeschläge GmbH und dormakaba Schweiz AG: Schließanlage
Artigo GmbH und Walo Bertschinger AG: Bodenbeläge
Schwab AG, Knauf AG, James Hardie Europe GmbH und Argolite AG: Trockenbau und Systemtrennwände
Vola AG: Armaturen
Duravit AG und Alape AG: Sanitärobjekte
Zumtobel Licht AG: Bürolampen nach Entwürfen der Architekten
Erco GmbH und HS Technisch AG: Leuchten
Feller AG: Schalter und Steckdosen
Normagrup Technology S.A.: Notleuchten
Girsberger AG: Möbelstücke nach Entwürfen der Architekten
Haworth Schweiz AG: Büromöbel
Wesemann Schweiz AG: Textilien
Schindler Aufzüge AG: Aufzüge
Zehnder Group Schweiz: Heizkörper und Steuerung Heizsystem

Energiestandard 
Minergie-P-Eco

Bruttogeschossfläche
6115 m²

Gebäudevolumen
30'226 m³

Gebäudekosten
CHF 39'360'000

Gesamtkosten
CHF 46'582'000

Auszeichnung
Best Architects 2026
Iconic award, 2025
Hochparterre, Die Besten 2025, Hase in Silber

Fotos
Federico Farinatti, Zürich

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