Funktion baut Architektur
raumfindung architekten haben das neue Winterquartier des Schweizer Nationalzirkus Knie in Wagen gestaltet. Der ästhetische Holzbau beherbergt die Werkstätten und dient in der Winterpause als Einstellhalle für den großen Zirkus-Fuhrpark.
Herr Hinten, Herr Loosli, worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Beat Loosli: Im Rahmen einer übergeordneten Standortstrategie hat die Familie Knie die Entwicklung ihrer Liegenschaften in Rapperswil-Jona neu ausgerichtet. Das Ziel dabei war, alle Nutzungen rund um den Zirkusbetrieb zu zentralisieren. Bisher waren der Fuhrpark, das Lager und die Stellplätze für die Fahrzeuge auf unterschiedliche Gelände in Rapperswil verteilt. Neu sind alle Nutzungen unter einem Dach vereint. Daraus resultieren ideale Bedingungen für den Zirkusbetrieb.
Dominique Hinten: Mit der Inbetriebnahme des neuen Winterquartiers auf dem Wagnerfeld ist ein wichtiger Meilenstein erreicht, und die anderen innerstädtischen Areale werden frei für eine weitere Entwicklung. Wir entwickelten den Neubau unter ganzheitlichen Gesichtspunkten – mit besonderem Augenmerk auf Funktionalität, Wirtschaftlichkeit und eine gelungene gestalterische Integration in die Landschaft.
Dominique Hinten: Die besondere Lage des Gebäudes am östlichen Rand von Wagen, also eingebettet zwischen offenen Wiesen und dem nahen Waldrand, prägte maßgeblich unseren Entwurf. Formensprache und Materialisierung orientieren sich an den traditionellen landwirtschaftlichen Stallbauten der Region – schlicht, funktional und robust. Großzügige Holztore, klare Strukturen und sichtbare Holzkonstruktionen erinnern an die einfache, aber ausdrucksstarke Architektur dieser Bauten. Die Ästhetik des Holzbaus steht dabei im Zentrum – als warmes, lebendiges Material. Das gewählte Farbkonzept ist dezent, zurückhaltend und von der Umgebung inspiriert – die landwirtschaftliche Anmutung des Holzbaus fördert die Eingliederung ins Landschaftsbild.
Beat Loosli: Ein zentrales Element des Neubaus sind die erwähnten Toranlagen, die auf die Anforderungen des Zirkus Knie abgestimmt sind. Die Gebäudehülle besteht im Wesentlichen aus Torfronten und den weit ausladenden Vordächern. In den Werkstätten kommen gedämmte, holzbeplankte Handfalttore aus Metall zum Einsatz. Diese Bauweise vereint technische Robustheit mit einer an landwirtschaftliche Gebäude erinnernden Ästhetik und fügt sich harmonisch in die Umgebung ein.
Die zentral positionierte Einfahrt ermöglicht auch größeren Fahrzeugen eine reibungslose Zufahrt. Im unbeheizten Bereich für den Fuhrpark sorgen Holz-Schiebetore auf Rollen für Flexibilität. Durch das seitliche Öffnen entstehen zwei Fahrgassen, die eine effiziente Parkierung ermöglichen, die sich in der Praxis bewährt. Die Torlösungen überzeugen sowohl durch ihre funktionale Auslegung als auch durch ihre gestalterische Einbindung – sie tragen wesentlich zur Alltagstauglichkeit und zum Gesamtbild des neuen Winterquartiers bei.
Dominique Hinten: Der Zirkus war nicht nur Auftraggeber, sondern prägte den Entwurf maßgeblich mit – inhaltlich und funktional. Die Architektur wurde von den spezifischen Anforderungen des Zirkus und seiner Werkstattbetriebe inspiriert, und die Räumlichkeiten sind auf dessen Arbeitsweise zugeschnitten.
Im Planungsprozess fanden mehrere Workshops und Nutzersitzungen mit den Verantwortlichen sowie den späteren Nutzerinnen und Nutzern statt. Dabei haben zum Beispiel die Maschinen wie jene in der Schreinerei oder Schlosserei das Raumprogramm beeinflusst. Diese Zusammenarbeit setzte sich bis zur gebäudetechnischen Ausstattung fort: Die Platzierung von Steckdosen, Druckluftanschlüssen und weiteren technischen Einrichtungen wurde direkt vor Ort gemeinsam mit uns, den Fachplanern, Unternehmern und Nutzenden definiert – praxisnah und exakt auf die Bedürfnisse abgestimmt. Entstanden ist ein Gebäude, das den Zirkus in seiner täglichen Arbeit optimal unterstützt.
Beat Loosli: Da der Zirkus Knie seinen Fuhrpark vorwiegend in den Sommermonaten nutzt und im Winter einstellt, musste der Ersatzneubau im Sommer realisiert werden, während der Zirkus auf Tournee ist. Aus diesem Grund entschieden wir, das Gebäude in vorfabrizierter Holzelementbauweise zu erstellen. So konnte der gesamte Bauprozess des Rohbaus – vom Rückbau des Bestandsgebäudes über die Fundation bis zur Fertigstellung der Gebäudehülle – innerhalb von nur zehn Monaten zwischen den Winterpausen 2024 und 2025 umgesetzt werden.
Die Fundation, die Bodenplatte, die Fassadensockel an Süd- und Nordseite, die Stützensockel sowie der Treppenkern wurden in Massivbauweise erstellt. Die übrige Gebäudehülle des beheizten Teils besteht aus gedämmten Holzelementen, holzbeplankten Handfalttoren aus Metall und großformatigen Holz-Schiebetoren. Das Obergeschoss im unbeheizten Bereich wurde so konstruiert, dass eine spätere Nachrüstung möglich ist. Dadurch bleibt das Gebäude flexibel und anpassbar an zukünftige Nutzungsbedürfnisse.
2025
8646 Wagen, Kanton St.Gallen
Nutzung
Werkstatt, Fuhrpark und Lager
Auftragsart
Direktauftrag
Bauherrschaft
Gebrüder Knie, Schweizer National-Circus AG, Rapperswil-Jona
Architektur
raumfindung architekten eth sia bsa, Rapperswil
Beat Loosli, Dominique Hinten (Projektleitung) und Miriam Wuffli
Fachplaner
Bauleitung: Rolf Bless Bauleitung & Bauplanung AG, Mels
Bauingenieur: wlw Bauingenieure AG, Mels
Holzbauingenieur und Brandschutz: Pirmin Jung Schweiz AG, Sargans
Bauphysiker: Pirmin Jung Schweiz AG, Sursee
Elektroingenieur: Faisst + Partner AG, Eschenbach
HLKS-Ingenieur: Calorex AG, Wil
Ausführende Firmen
Baumeister: Jms Risi MS AG (W. Oertig AG, Eschenbach)
Holzbauer und Fensterbau: ARGE Winterquartier aus Holzbau Wagen AG, Wagen und Alpiger Holzbau AG, Sennwald
Metall- und Holztore: ARGE Winterquartier mit Dahinden + Rohner Industrie Tor AG, Fehraltorf
Bedachungsarbeiten und PV-Anglage: Bachmann Bedachungen AG, Wagen
Metalltüren: Schmucki AG Metallbau, Jona
Elektroinstallationen: Bernauer AG, Rapperswil
H- und S-Installationen: Hämmerli AG, Kaltbrunn
Lüftungsinstallationen: Eicher AG, Rapperswil-Jona
Metallbauarbeiten: Leichtmetallbau AG, Rapperswil-Jona
Innentüren: RWD Schlatter AG, Roggwil
Fugenlose Beläge: Repoxit AG, Illnau-Effretikon
Kranbauer: Gersag Krantechnik AG, Reiden
Wartungsgrube: Safia AG, Niederwangen bei Bern
Arealschiebetore und Zaun: B-Tech-Solutions AG, Bachenbülach
Gebäudevolumen
30'967 m³ (14'975 m³ warm und 15'992 m³ kalt)
Fotos
raumfindung architekten eth sia bsa












